Interpret:
Zola Jesus
Plattentitel:
Stridulum II
Label:
Souterrain Transmissions / Rough Trade
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 23.08.2010
Wo einst sechs waren, sind jetzt neun. Wo einst eine EP war, ist jetzt ein Album. Wo einst die Apokalypse war, ist jetzt Zola Jesus. Die gerade einmal 20-jährige Nika Roza Danilova aus Wisconsin lässt ihr Alter Ego Zola Jesus in ihrem Europa-Debüt - der vor wenigen Monaten veröffentlichen „Stridulum“ EP, mit drei neuen Songs zum Album erweitert - los und wird uns ergreifen, uns berühren, uns durch die Nacht bringen. In den Genuss ihrer das Herz erschütternden Stimmgewalt durften wir uns bereits auf dem Xiu Xiu Projekt Former Ghosts erfreuen. Jetzt schmettert sie solo ihre Songs über Hoffnung, Leid, Vertrauen und Zuversicht an die Liebe, das Leben und die Heimat aus vollem Hals, und es ist nicht übertrieben, dass sie zu den Entdeckungen des Jahres gezählt werden kann. Und es ist ebenso nicht verwunderlich, dass sie mit Fever Ray und Xiu Xiu touren wird. Die klangliche Nähe ist unverkennbar.
Ihre Mischung aus experimentellem Alternative Pop/Rock und Industrial schmerzt beim Schlucken, bei all dem Gefühl, das in ihr steckt. Sie ist aber auch gleichzeitig so verführerisch und bittersüß, dass stets ein weiterer Bissen von ihr genommen wird, ohne auch nur einen Gedanken an all den Schmerz zu verschwenden, der damit bereitwillig aufgenommen wird. Zola Jesus ist mit ihrem Album „Stridulum II“ groß, so groß, dass einem an manchen Stellen die Worte fehlen, um diese schillernde Größe zu beschreiben. Es schmerzt eben.
Es ist wie mit vielen jungen Interpreten der letzten Zeit, dass ich mich auch bei ihr frage, wie sie es in ihrem Alter nur schafft, die Dinge so deutlich beim Namen zu nennen, zu besingen und musikalisch umzusetzen? Was muss jemand wie Nika Roza schon alles durchgemacht haben, wie viel davon hält sie noch aus? Dieses stumpfe Hämmern des Beats in „Night“ zu den weittragenden Synthesizerwänden und Textzeilen wie „I'm on my bed / My bed of stones / But in the end of the night we'll rest our bones / So don't you worry / Just rest your head“, die mit einer selten gehörten Inbrunst vorgetragen werden, suchen ihresgleichen. Es ist aber, wie bereits gesagt, die Suche nach Vertrauen, nach Heimat oder Geborgenheit, die Zola Jesus in ihren Songs antreibt. Anders sind die folgenden Songs „Trust Me“ und „I Can't Stand“ mit ihren flehend-anrufenden Texten, zu den düsteren Klangwänden und mechanischen Beats nicht zu erklären. „I can't stand to see you this way / It's gonna be alright“.
Dieses Album klingt wie eine Irrfahrt durch kalte Nächte, die nur dank Zola Jesus wärmender Stimme nicht in einer Katastrophe enden wird. Es fühlt sich schon fast so an, als würde sie allen Kummer unserer gebeutelten Persönlichkeiten auf sich nehmen, um die Last zu tragen. Doch auch sie braucht eine helfende Hand, um die Bürde zu tragen. So kommt mit dem Ende der sechs bisherigen Songs von „Stridulum“ der erste Song, in dem sie zum marschierenden Beat und industrieller Orchester-Gewalt singt „I will find you and roll out the fire / So you gotta help me out / You gotta make it out for me“. Dennoch wird sie bis zum Äußersten gehen.
Das musikalische Bild ändert sich zwar ein kleines Stück mit den letzten drei Songs, doch ein wirklicher Bruch ist bei weitem nicht zu hören. Die dunkle Straße verlässt Zola Jesus nicht. Sie verdichtet die ihre Produktionen wenn überhaupt um den ein oder anderen Effekt aus Rhythmus, Melodie und Instrument. „Tower“ ist da entgegen der bisherigen Songs mit seinen Streicher-Synthesizern viel mehr auf Melodie und rhythmisches Geratter getrimmt. Ihre Single „Sea Talk“ hingegen vereint alles von ihr bisher Bekanntes so wundervoll, dass spätestens hier in den richtigen Momenten in unseren Leben Tränen fließen werden. Alles, was sie bisher geschultert hat, bricht plötzlich in all seiner melodiösen Schwere über sie zusammen. Und es wird klar, dass Zola Jesus trotz ihrer bisherigen Stärke auch nur ein Mensch ist, wenn sie zum hell ratternden Beat singt „'Cause I can't give you what you need / No I can't give you what you need all by myself“.
Es ist einzig irgendwie schade, dass „Stridulum II“ zum einen erst jetzt bei uns erscheint, und dass dieses großartige Album zunächst eine EP war. Wenn letzteres nicht gewesen wäre, wäre es halb so wild. Doch will ich mich jetzt auch noch beschweren? Mitnichten. Die verzaubernden Klavier-Schimmereien ihres Abschluss-Songs „Lightsick“, ihre herzergreifenden Melodien, Texte und diese Stimme einer Grande Dame werden bei mir noch eine langanhaltende Nachwirkung haben. Bitterkeiten schmecken doch gut. Ich stehe tief in Zola Jesus Schuld.
Video: „Night“