Interpret:
Yuck
Plattentitel:
dto.
Label:
Fat Possum / Pharmacy Records / Cooperative Music / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 27.04.2011
„Yu(c)k“. Ein Ausdruck des Ekels. Aber auch der Titel der dieses über Grenzen hinweg operierenden Quartetts während seiner ersten EP, „Weakend“. Nur ohne „c“ versteht sich natürlich. Es steckt aber gerade im Namen dieser so jungen Band, als auch in ihrer ersten EP und ihres gleichnamigen Album-Debuts viel Wortwitz und Ironie. Denn mit Ekel oder dem Wochenende hat das alles nichts zu tun. Zumindest nicht im konventionellen Sinne. Yuck halten die Fahne des College, Grunge und Indie Rocks sehr hoch und damit auch die guten Facetten vergangener Tage. Adoleszente Langeweile, Melancholie und gehörig viel Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit und Liebe. Es dreht sich also eher um den Ekel vor den Alltäglichkeiten, dem Hedonsimus an Wochenenden und dem Nicht-Eingestehen-Können, dass doch alle nur nach dem suchen, was Yuck mit „Yuck“ wundervoll vertonen.
Was Daniel Blumberg, Max Bloom, Mariko Doi und Jonny Rogoff, die zu Teilen aus Großbritannien, USA und Japan kommen auf diesem 12 Track-Wunderwerk machen, ist schlicht gesagt, pur und traditionell. Das klingt so, als wären die frühen 90er mit Pavement und Dinosaur Jr. nie vergangen, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ganz klassischer Indie Rock ohne Firlefanz, Schnickschnack und Tamtam. Yuck beweisen einmal mehr, dass auch eine Band in den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts mit zwei Gitarren, einem Schlagzeug und einem Bass einfach alles anstellen kann, um Herzen zu bewegen. Und das Beste an ihnen ist: Sie brauchen noch nicht mal einen Produzenten.
Wer denkt da nicht an DIY, Garage und Shoegazing? Drone, Reverb und Jangle als einzige Effekte? Dezent verzerrte Stimmen? Keine widerlichen Solis? Kristallenem Klang und drückende Riffs? Ich übertreibe nicht, wenn ich an dieser Stelle sage, dass „Yuck“ das wohl bodenständigste Indie Rock-Album geworden ist, das mir seit Jahren über den Weg gelaufen ist. Die sogenannte Class of 2005 ist damit endgültig abgehakt, es geht mit Yuck wieder zurück auf Start. Willkommen in der puristischen Langeweile und dem ergreifenden Begehren vier junger Menschen mit dem Herzen am genau richtigen Fleck.
Es kommt da bei all der jugendlichen Bittersüße fast einem Witz gleich, dass Blumberg gemeinsam mit Doi und seiner jüngeren Schwester Ilana, die nicht wirklich zur Band dazugehört, aber sehr viel eingesungen hat, Sachen singt wie „Every day was christian holiday / We held eachother when we pray in our own way / Wait / Wait for me / I've had enough of beeing young and free / … / I'm sorry you became my addiction“ („Suck“), „I've got a choice now / I've got a voice now“ („Sunday“) oder „You could be my destiny / You mean that much to me“ („Shook Down“). Woher sie das nehmen, weiß ich nicht. Ich bin aber überaus gerührt und bewegt bei so viel emotionalen Tiefgang, der mit Kitsch oder Pathos nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat. Blumbergs-Stimme transportiert gerade in diesen so eleganten Songs eine klare Einfachheit, die gemeinsam mit Doi und Ilana Blumberg ergreifend funktioniert. Und immer dann, wenn die entscheidenden, großen Stellen im Text kommen, bricht der Song noch einmal auf. Die Effektpedale werden getreten, die akustische Gitarre verschwindet in den Hintergrund und ein Dröhnen und Wabern geht durch den Gehörgang. Es sind Momente auf „Yuck“, in denen alles erleuchtet ist, von jener schlichten Eleganz.
„Suck“ sticht dabei ganz besonders hervor. Hat man den Song schon einmal gehört, wartet man nur darauf, bis endlich der Moment kommt, in dem die schillernde E-Gitarre mit ihrem simplen, aber doch so verzaubernden Lauf endlich für diesen einen kurzen Moment einsetzt. Wer aber diesen träumerisch-langsamen Song das erste Mal hört, wird ab diesem Punkt sofort begeistert sein. Das garantiere ich.
Aber Yuck können auch anders. Die schwelgenden Genüsslichkeiten sind nur ein Gesicht von ihnen. Mit viel Elan und Dynamik lassen sie es gerne krachen. Dann liegt auch auf Blumbergs-Stimme ein wie durch Papier gesungener Verzerrungseffekt. „The Wall“, „Georgia“ oder „Holing Out“ sind da nur drei Beispiele, die jedoch an schwermütigen Zärtlichkeiten nichts einbüßen. Denn, obwohl „Get Away“, „Operation“ und die anderen genannten Songs einen unglaublich schmeichelnden Drive auf den Saiten haben, fangen Yuck einen doch immer wieder mit plötzlich aufbrechenden Strukturen, in allen Farben strahlenden Riffs und schön geradlinigen Schlagzeug-Beats wieder auf.
Dass sie dann mit dem instrumentalen „Rose Gives A Lilly“ einen Raum für schwebende Gefühlsauflüge bieten, bevor sie ihr fantastisches Debüt mit dem nur so von erschlagendem Gedröhne gespickten Trauermarsch „Rubber“ abschließen, ist ganz, ganz groß! Ich bin begeistert und wische mir aus Sentimentalität vor so viel Traditionalismus eine Träne aus den Augen. „Me and my guitar drowning down / Down / Down“.
Video: „Get Away“
Yuck - Get Away from Yuck on Vimeo.
Video: „Rubber“
Yuck - Rubber from Yuck on Vimeo.