DETAILS

Interpret:
Yeasayer

Plattentitel:
Odd Blood

Label:
Mute / EMI

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
9.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 22.03.2010

PLATTENKISTE

Yeasayer - Odd Blood

Yeasayer - Odd Blood

Was ist eigentlich aus der Zauberkugel geworden, dieser unvergessenen Bühnenrequisite aus der längst abgesetzten „Mini-Playback-Show“? Dieser Kugel, in die die Kinder hineinkomplimentiert wurden, schüchtern winkend, mit ihrem Starkostüm unter dem Arm? Nur um dann als perfekte Kopie des großen Originals auf der Showbühne zu erscheinen? Augenzeugen berichten nun, dass sie diese Kugel zuletzt in Brooklyn gesehen haben, wo die Bandmitglieder von Yeasayer mit glitzernden Kostümen und schüchternem Lächeln in ebendieser verschwanden.

Das sind selbstverständlich alles haltlose Mutmaßungen, doch muss man schon in diesen schrägen Kategorien denken, wenn man „Odd Blood“ beschreiben will, wenn man erklären will, warum Yeasayer plötzlich gefallen an elektronischer Musik gefunden haben. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, so Sänger Chris Keating, sich von den Wurzeln des hochgelobten Debüts „All Hour Cymbals“ zu entfernen. Poppiger sollte das neue Album werden, direkter.

Keine Sorge, Yeasayer sind vom Mainstream immer noch so weit entfernt wie der 1. FC Köln vom Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Trotzdem geht von den zehn Songs des Albums eine ungeheure Sogwirkung aus, die den Hörer tiefer und tiefer in diesen Kosmos aus alten Referenzen und neuartigen Sounds zieht. Die erste Single „Ambling Alp“ ist ein Paradebeispiel hierfür: als hätten MGMT geträumt, sie seien Tears For Fears, die geträumt hätten, sie wären MGMT. An allen Ecken klackert und klappert es, während Keating den Song mit seiner klaren Stimme zusammenhält: „Speak up for yourself son / Never mind what anybody else‘s done“. Dann fällt der Song wie ein Kartenhaus über Stakkato-Synthies und Falsett-Stimmen zusammen, nur um aus diesen Trümmern nochmals aufzuerstehen. Man braucht kein Hellseher zu sein: Dies wird er sein, der Konsenshit, auf den sich 2010 alle einigen können, so wie sich vor zwei Jahren alle auf „Kids“ einigen konnten. Und das zu recht.

„O.N.E.“ ist ein waschechter Achtziger-Disco-Hit, der einen magisch auf die Tanzfläche zieht. Doch kaum ist man dort angekommen, schlägt der Song in eine traumartige Sequenz um, alles bleibt stehen, nur die Disco-Kugel dreht sich in Zeitlupe weiter. Sekunden später bewegt sich alles wieder in Echtzeit, so als sei nie etwas gewesen. Das sind sie, die Momente vollkommenen Glücks. „Rome“ kommt ohne diese Brüche aus, benutzt sich aber Soft Cells „Tainted Love“ so natürlich und selbstsicher, als hätte das Trio sein ganzes Leben nichts anderes gemacht.

Das ist die eine, die tanzbare Seite von „Odd Blood“. Doch bearbeiten Yeasayer mit ihrem Album ein breites Spektrum. „The Children“ spielt mit einer vocoderverzerrten Stimme, die Erinnerungen an Radioheads „Kid A“ weckt. Der Song dazu besteht beinahe nur aus musikalischen Brüchen, die sich in ihrer Gesamtheit zu einem Sound-Patchwork der Extraklasse verbinden. „Madder Red“ lässt mit seinem triumphierenden Refrain-Chor und der durch eine Extraportion Hall weit geöffneten Räume Erinnerungen an frühe Dead Can Dance Alben aufleben.

So muss man bei der überbordenden Kreativität und Ideenfülle, die einem auf „Odd Blood“ entgegenschwappt, seine Zauberkugel-These vom Beginn doch noch einmal überdenken. Im Gegensatz zu den Kindern in der Show können sich Yeasayer nämlich nicht für einen Stil, für ein Genre, geschweige denn auf eine Band festlegen. Am Ende wird einfach alles mit in die Kugel mitgenommen was man mit beiden Händen tragen kann. Es raucht und qualmt und heraus kommt ein schillerndes Wesen, das ganz nebenbei die neue Dekade mit einem musikalischen Paukenschlag einläutet. Das ist keine Show. Das ist alles live.

Video: „Ambling Alp“


 

Freunde

 
 
 
 

Wir Präsentieren:

 
 
 
 

Prunkstücke