Interpret:
Xiu Xiu
Plattentitel:
Woman As Lovers
Label:
Kill Rock Stars / Cargo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 05.02.2008
Nach diversen Veröffentlichungen als Band Xiu Xiu ist es mit „Woman As Lovers“ jetzt an der Zeit, Jamie Stewart einen Raum zur Selbstverwirklichung einzuräumen. Was auf den sechs vergangenen Alben noch als sich ständig neu definierende Band zu verstehen war, wird mit diesem Album zur Neu-Definition eines einzelnen Mitglieds im Rahmen der Möglichkeiten des Kollektivs Xiu Xiu. Die Band um Stewart herum wird zum Ausdruck einer Dekade seines Lebens, während er selbst in dem durchschüttelnden Instrumentarium seiner Band sein Herz, seinen Geist, seine Seele zu öffnen wagt.
In den 14 Titeln auf „Woman As Lovers“ befindet sich Stewart in einem permanenten Schwebezustand zwischen der Rastlosigkeit eines Suchenden und der Niedergeschlagenheit eines vom Leben fallen gelassenen Opfers. Oben und Unten scheinen sich im Zeitraum dieser Platte zu verschieben und zurück bleibt ein verschüchterter Akteur, der gegen die eigenen inneren Ängste sein vorerst letztes Gefecht geführt und die persönliche Schizophrenie möglicherweise überwunden hat. Was aber hoffentlich auf künftigen Xiu Xiu-Werken nicht dazu führen wird, dass sich diese sonst nie still stehende Band auf eine klangliche Schiene festlegt. Man liebt sie dann wiederum doch zu sehr für ihr musikalisches Feuerwerk, ihr kalkuliertes Chaos und ihren Charme des Anders-Seins als ihnen eine seelische Genesung von all den Anstürmen der Zerrissenheit und Selbstaufgabe zu wünschen.
Einen kleinen Sadisten sollte man schon in sich wohnen haben, um sich an diesem Seelenleid zu laben. „Woman As Lovers“ ist so etwas wie eine musikalische Fahrt auf unzugänglichen mit Splitt und Schotter versehenen Straßen in einer verwüsteten Peripherie aus geplatzten Träumen und Wünschen, die durch die bedrohlich wirkende musikalische Untermalung an Melancholie gewinnt.
Scharf heulen Instrumente in Form von Bläsern, Gitarren und Synthesizern in Stücken wie dem tobenden „In Lust You Can Hear The Axe Fall“ oder dem in voller Einsicht Trübsal blasenden „No Friend Oh!“ auf und vertonen auf diesem Weg Stewarts Innerstes auf eine erschreckend schöne Weise. Songs wie das polternde „You Are Pregnant, You Are Dead“, dem sich selbst quälenden „White Nerd“ oder „Children At Arms“, das einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, verschärfen die radikal erscheinenden Instrumentierungen auf diesem Album um ein vielfaches und unterstreichen das besungene Gemüt mit einem dicken Balken. Es geht aber auf „Woman As Lovers“ eben auch ganz anders. Im Auftakt „I Do What I Want When I Want“ scheint alles um Jamie Stewart herum noch einigermaßen in Ordnung zu sein und im von einer akustischen Gitarre getragenen „F.T.W.“ ist ein schwacher Streifen Sonnenlicht am Horizont des Pops zu erkennen. Und inmitten all der Angst und Trostlosigkeit strahlt die wohl beste Neuinterpretation von Queens und David Bowies „Under Pressure“, die gemeinsam mit Michael Gira dargeboten wird.
„Woman As Lovers“ gehört jetzt schon zu den musikalischen Highlights in diesem Jahr, das seinen Glanz nicht aus hedonistischem Indie-Pop-Gehabe generiert, sondern voller zerbrechlicher Schönheit und persönlichem Schmerz von innen heraus zu funkeln beginnt. Seine Kraft die Hörer mitzureißen erlangt es allem voran durch Stewarts verzweifelte Gesangseinlagen, die mal hoch hinaus wollen und mal wie ein einsamer Schrei aus dem Nichts zu uns gelangen. Seine Stimme ist wie ein Lynch-Film, man weiß eben nie was hinter der nächsten Melodie auf einen wartet. Das ist es, was diese Platte so sehr ausmacht. Auch wenn sie einen fordert, verängstigt und verstören kann, wird eben doch die Neugier und die Lust am Leid des anderen bei uns -den Höreren- siegen.