Interpret:
Wir Sind Helden
Plattentitel:
Bring Mich Nach Hause
Label:
Columbia Berlin / Sony
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 30.08.2010
Die letzte Erinnerung an die Helden: wie sie vor drei Jahren beim Rock Am Ring im Dienste der Wissenschaft durch kollektives Hüpfen ein Erdbeben verursachen wollten. Auch wenn 50.000 Menschen damals synchron hüpften, schlug das Experiment fehl. Und das war nicht der einzige Fehlschlag. Das dritte Album „Soundso“ floppte berechtigterweise bei Fans und Kritikern, weil es nur alte Ideen lauwarm aufwärmte und so vielen zum ersten Mal nach all dem Hypegeschrei zum ersten Mal vor Augen führte, dass Wir Sind Helden auch nur eine Band aus Fleisch und Blut sind. Eine Band, die nicht unfehlbar ist und nicht die Erwartungen einer ganzen Musiknation tragen kann (oder will).
So ist nach drei Jahren das Interesse an einer neuen Wir Sind Helden-CD zunächst wieder auf ein Normalmaß zurückgeschrumpft. Die Welt hat sich weitergedreht und die Helden sind der lebende Beweis für die oft zitierte Floskel „Der heiße Scheiß von heute ist der Mist von morgen“. Passenderweise heißt das neue Album „Bring Mich Nach Hause“. Ein überaus zweideutiger Titel, der zum einen die Rückkehr zu alten, erfolgreicheren Wurzeln suggerieren, zum anderen jedoch auch eine komplette Abkehr von schnelllebigen Trends und Hypes bedeuten könnte.
Für welche Lesart man sich auch entscheidet, man kommt nicht darum herum, Wir Sind Helden für ihre neu gewonnene Souveränität zu bewundern. An die Stelle des kurzlebigen und schnell totgehörten Hits der Marke „Aurelie“ treten auf dem vierten Album vor allem die nachdenklicheren Töne in den Vordergrund. Bereits der erste Song „Alles“ ist ein Stück reife, ausgefeilte Breitwand-Melancholie mit fiepsenden Keyboard-Sounds und metallisch ächzenden Gitarren, die von einem erhabenen Klavier zusammengebracht werden. Der Titelsong geht noch einen Schritt weiter. Hier hallen die Bläser unheilvoll und klaustrophobisch, als hätte man sie aus dem Bauch eines U-Boots heraus aufgenommen.
Doch das Feiern haben die Helden dabei nicht verlernt, wie das fiebrig hoppelnde „Was Uns Beiden Gehört“ oder der südamerikanisch angehauchte Kaffeehaus-Bossa „Dramatiker“ beweisen. Die Freude ist nur auf ein Minimum reduziert worden, der Witz steckt nun meistens zwischen den kunstvollen Zeilen, die Judith Holofernes diesmal noch lasziver haucht als auf den vorangehenden Alben und die „Bring Mich Nach Hause“ trotz aller Neuerungen sofort als Helden-Album outen. Es wird jedoch schwer werden, zu Songs wie der todtraurigen Lebens- und Liebesgeschichte „Die Ballade Von Wolfgang Und Brigitte“ 50.000 Menschen zum Hüpfen zu bekommen. Statt der Schwerkraft sollten sich Wir Sind Helden in Zukunft dem Schwermut als Forschungsobjekt zuwenden.