Interpret:
We Were Promised Jetpacks
Plattentitel:
These Four Walls
Label:
FatCat / Rough Trade
VÖ:
19.06.2009
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 16.06.2009
Oh ja, das Leben kann manchmal eine ganz große Schlampe sein. Erst kürzlich habe ich es mal wieder erlebt. Die letzten drei Monate meines Lebens waren –zumindest zur Hälfte- nicht gerade erheiternde. Es ging auf und ab, vor und zurück, kreuz und quer. Ändern sollte es sich erst, als ich einen Abstecher auf die Homepage von FatCat machte und dort auf eine neue Veröffentlichung aufmerksam wurde, die mich alleine ihres Namens wegen in den Bann zog: We Were Promised Jetpacks. Mit einem Klick auf die erste Single, „Quiet Little Voices“ viel mein Kinn in bodenlose Tiefen, so unfassbar gut war das, was ich dort hörte. Es ging wieder bergauf und ich hörte mich in jeder freien Minute, in der ich nicht auf der Seite war, um die Single zu hören, jenen Refrain selbst singen, der trefflicher nicht hätte formuliert werden können: „Quiet little voices creep into my head / I’m young again / I’m young again / I’m young again“.
Mitgerissen von den alles überwältigenden Melodien und Rhythmen dieser Post-Punk-Indie-Nummer, die so herrlich schlicht, ohne Druck und Tempo einzubüßen, ausgefallen ist, war aber mein erster Gedanke: „Oh mein Gott, wann kommt bitte das Album raus?“. Es war wundervoll zu hören, wie eine vierköpfige Band 21 Jähriger mit ihren vier Instrumenten eine solche erschütternde Getriebenheit, einen solch satten Klang, solch euphorisierende Emotionen und solche bittersüßen Texte hervorbringen kann.
Auch wenn es überaus voreilig gewesen sein mag, war ich mir dennoch absolut sicher, dass We Were Promised Jetpacks mit ihrem nun vorliegenden Debut, „These Four Walls“ nichts falsch machen können. Das, was sich bereits mit der Single ankündigte, verfestigte sich spätestens auf ihrem MySpace. Die Sterne schienen Günstig über Edinburgh zu stehen, wenn man bedenkt, dass diese junge Band fast komplett auf jegliche Effekthascherei verzichtet und ihren Klang aus einer alles strotzenden Jugendlichkeit generiert. Wenn es Indie Rock als Stil tatsächlich geben würde, ich würde sie als Referenz für 2009 nennen. Und dass, obwohl sie im Grunde genommen in ihrer Besetzung sehr unspektakulär daher kommen.
Man bedenke nur, es sind stets zwei im rhythmischen Wechselspiel befindliche Gitarren, ein grandioser Bass, das anheizende Schlagzeug und der von Adam Thompson eindringliche Gesang, die hier für die manischen Anstürme in insgesamt elf Songs sorgen. Hin und wieder erklingt ein Glockenspiel und nur wenn man ganz genau hinhört, wird man vielleicht in ein oder zwei Songs etwas weiteres im Hintergrund hören. Einzig das Interlude „A Half Built House“ ist mit Rauschen, kleinen Klicks und einem Voice-Sample durchsetzt. „These Four Walls“ ist durch und durch ein gradliniges Album geworden, dessen ganz große Stärke im wunderbar harmonisierenden Klangbild der Band liegt, das hier und da mit Bloc Party-Rhythmen und der Rotzigkeit von Gang Of Four flirtet.
Neben den sogenannten Indie- und Punk-Allüren finden sich aber auch gerade mit Stücken wie „It's Thunder And It's Lightning“ und dem acht Minuten langen „Keeping Warm“ Momente, in denen ein bisschen Post-Rock-Gefühl aufkommt. Und hier ist es vor allem die Eröffnungsnummer „It’s Thunder And It’s Lightning“, die nicht nur ein stilistisches Gefühl prägt, sondern auch gleich als emotionaler Wegweiser das Album eröffnet. „Sitting with my lights off, waiting for my brain to storm / Trying to work things out / It’s thunder and it’s lightning and it’s all things to frightening / I could barley see outside“, heißt es dort noch in dem sich ganz langsam aufbauenden Song, bevor er sich im besungenen Gewitter aufbäumt und seinen Höhepunkt erreicht. Im Folgenden „Ships With Holes Will Sink“ und der zweiten Single „Roll Up Your Sleves“ gehen WWPJ gleich zu Beginn mit antreibenden Schlagzeug-Rhythmen, elektrisierenden Gitarren viel progressiver vor. Und über allem schwebt stets eine lyrische Einsicht, die offenherzig Kampfbereit ist, „Ships with holes will sink and I will swim“.
Mit dem sich dann anschließenden „Conductor“ keimt dann sogar etwas wie ein kurzer Moment der Ruhe auf. Zwar finden sich auch hier tosende Anläufe auf Schlagzeug und Gitarre, es überwiegt jedoch das ruhige Picking auf den Gitarren. Dieser ruhevolle Moment findet sich dann allerdings noch in „This Is My House, This Is My Home“ und wird im Schlussstück „An Almighty Thud“ ohne Schlagzeug und Bass nur auf der akustischen Gitarre komplett aufrecht gehalten. In der Zwischenzeit legt man wieder unter erschütterndem Getöse „Short Bursts“ ein oder tanzt sich zu „Moving Clocks Run Slow“ die Füße wund. Oh ja, das Leben kann aber auch einfach nur zu schön sein, denn mein versprochenes Jetpack ist soeben eingetroffen: „I‘m young again / I‘m young again / I‘m young again“.