Interpret:
Vitalic
Plattentitel:
Flashmob
Label:
PIAS / Rough Trade
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 19.10.2009
Ganz unschuldig und unscheinbar, mit rotem Strickpullover und Hemdkragen, sitzt Pascal Arbez-Nicolas im Booklet seines neuen Albums „Flashmob“ in einer futuristischen Spiegelhalle. Bis auf die Spiegelhalle würde man sich den Macher eines Albums, das der elektronischen Musik neue Impulse verleihen wird, ganz anders vorstellen. Flamboyanter, abgehobener. Jemand, der seine Sonnenbrille auch nachts tragen würde.
Nichts von alledem ist Arbez-Nicolas aka Vitalic. Dieses Spiel der Überzeichnung, des Effekthaschens überlässt er seinen Songs. Wenn beispielsweise in „Poison Lips“ eine Donna-Summer-hafte Frauenstimme über einen minimalen Moroder-Beat eine kleine, abgehackte Melodie singt, als hätten wir immer noch die späten Siebziger, dann kann das für manchen wie eine Karikatur wirken. Doch gerade durch diese verklärte, unkommentierte Benutzung an sich abgenutzter Stilelemente, schafft Vitalic eine einzigartige Stimmung, die fernab jeglicher Realität die Großraumdiscos der Achtziger Jahre wieder auferstehen lässt. Eine Welt, in der Frauen emotionslos zu dreckigen Beats wie in „One Above One“ singen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Im Titeltrack steigt ein sich hochpitchender Synthieton wie ein an Luftmangel leidender Bergsteiger immer wieder auf den Gipfel der Glückseligkeit, dazu rollt ein monströser Beat, der selbst für Daft Punk wohl zu minimalistisch gewesen sein muss. „Alain Delon“ ist eine Warp-Hommage geworden, die gleichzeitig Jean-Michel Jarre zitiert und nach Meinung Arbez-Nicolas‘ als End-Credit-Song zu einem Film eben jenes im Titel erwähnten Schauspielers dienen könnte (womit er nicht Unrecht hat).
Der Song des Albums ist jedoch „Your Disco Song“, der mit seinen „Kernkraft 400“-Synthies und den durcheinanderschießenden Vocoderstimmen eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, als würde man plötzlich Platzangst in der Disco bekommen. Eine Disco selbstverständlich, in der über der Tür am Eingang ein überlebensgroßes Bild des heiligen Giorgios von Moroder hängt. Und auf die Gefahr hin, dass man anfängt, sich zu wiederholen: Die Zukunft der elektronischen Musik liegt derzeit wieder einmal in ihrer Vergangenheit.