Interpret:
Twin Sister
Plattentitel:
Vampires With Dreaming Kids (EP) / Color Your Life (EP)
Label:
Double Six / Domino / GoodToGo
VÖ:
31.08.2010
Punkte:
5.0 von 10
Autor:
Richard Pütz
, 30.08.2010
Wo andere Leute gehen, ziehen Twin Sister es lieber vor zu schweben. Bei ihnen scheint alles locker leicht zu sein. In ihrem kleinen Universum, in dem es wummert und wabert, gibt es keine Schwere, aber vor allem keine großen Forderungen. Weder an sich selbst noch an das Publikum. Simple Musik, die in Hall geschrieben ist. Man versucht dem reduzierten Indie-Pop eine neue Dimension zu geben, was aber nur auf den ersten Blick gelingt. Mit Sängerin Andrea schickt die vor zwei Jahren gegründete Formation aus Long Island eine halbwegs erträgliche Björk-Variante ins Rennen, von der man sich, so scheint es, erhofft, dass sie die Songs fast im Alleingang trägt. Immer im Einklang mit den spartanischen Kompositionen natürlich. Heraus kommt ein leicht zugänglicher Gitarrenpop, der sich melancholisch bis psychedelisch gibt.
Es fängt ja eigentlich ganz gut an. Das Debüt „Vampires With Dreaming Kids“, welches schon vor geraumer Zeit als Download zu haben war, erscheint nun gemeinsam mit dem Nachfolger erstmals in physischer Form. Die EP beinhaltet vier Titel, denen man sogar unterstellen könnte, einer durchaus gekonnten Dramaturgie zu folgen. „Dry Hump“ fängt unbeschwert an, und es wird sofort das heruntergeschraubte Tempo überdeutlich. Dazu eine Gitarre, die so sehr verzerrt ist, dass sie wie ein schlecht aufgenommenes Saxophon klingt. Eine coole Idee, die den Song vor dem Nirvana rettet. Der nächste Song „Ginger“ wirkt etwas erhabener, zieht aber auch nicht besonders mit. Dann folgt jedoch der Song, der diesen Titel auch verdient. „Nectarine“ ist eine sehr schöne LoFi-Ballade, die mit einer folkigen Akkustikgitarre und der erfrischenden Stimme von Gitarrist Eric beginnt. Man höre und staune. Es entsteht ein gelungenes Duett mit ihm und Andrea, welches mit steigendem Einsatz an Instrumenten noch besser wird und in einer etwas polierteren Version auch von den Fleet Foxes stammen könnte. „I Want A House“ beendet das Werk. Ein vor sich hin plätschernder Track, der süffisant und sogar etwas fröhlich daher kommt. Spätestens jetzt aber beginnen Andreas eintönige Stimme und die naiven Texte („I want a house build of old wood – You can paint it any color you like – As long as i can live with you“) zu nerven.
Was kann nach solch einer eher durchwachsenen Leistung folgen? Auf „Color Your Life“ wird der eingeschlagene Kurs fortgesetzt. Die Produktion ist klarer und kompakter, die Stücke im Durchschnitt länger. Der Gitarreneinsatz sowie Drumming kombiniert mit Andreas schwebender Stimme, sorgen hier und da für Querverweise in Richtung Portishead. Ähnlich wie beim Vorgänger, erklingenen wunderschöne und schwingende Akkorde sowie Bassläufe, die sofort ansprechen und Appetit auf mehr machen. Leider kommt da aber nichts mehr. Kein Knackpunkt und kein Reibungspunkt. Nichts, was berührt. Keine Substanz. Es war und ist einfach Fahrstuhlmusik. Fahrstuhlmusik auf hohem Niveau, aber trotzdem Fahrstuhlmusik.
Kleine musikalische Kniffe, wie beispielsweise ein Gitarrensolo á la Morricone aus „Lady Daydream“, oder spährische Orgelklänge bei „All Around And Away We Go“, sind zwar vorhanden, können aber nicht über die emotionale Egalität der Stücke hinweg helfen. Hinzu kommt noch, dass „Galaxy Plateau“ der EP im Punkto Bedeutungslosigkeit den Rest gibt. Sechs Minuten bloßes Synthesizer-Gewaber sind, zumindest für Personen, die keine halluzinogenen Drogen zu sich genommen haben, schlichtweg inakzeptabel.
Twin Sister scheinen Reduktion mit Intensität zu verwechseln. Musik kann noch so gekonnt instrumentiert und produziert sein. Wenn das Songwriting nicht fesselt, ist das ganze Zeitverschwendung. Vielleicht machen sie irgendwann noch einmal einen Glücksgriff wie bei „Nectarine“.