Interpret:
Trent Reznor/ Atticus Ross
Plattentitel:
The Girl With The Dragon Tattoo
Label:
Mute / GoodToGo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.5 von 10
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 18.01.2012
„The Girl With The Dragon Tattoo“ ist nach „The Social Network“ der zweite David Fincher-Film binnen zwei Jahren, für dessen Soundtrack Nine Inch Nails-Chef Trent Reznor gemeinsam mit dem alten Weggefährten Atticus Ross verantwortlich zeichnet. Dass die Zusammenarbeit des Industrial-Gottvaters und des Edel-Produzenten für einen Filmscore außergewöhnlich ist, zeigt die Opulenz der Box Set-Veröffentlichung: drei Picture Discs in edlem Pappschuber mit aufwendigem Artwork, eingepasst in eine Plastikhülle (alternativ eine Sechser-Vinyl-Limited Edition) – ein Statement in Zeiten, in denen selbst Weltstars dem schwindenden Umsatz ihrer Platten Tribut zollen und Produktionskosten reduzieren.
Reznor und Ross tun damit erneut genau das, was man von ihnen erwartet: nämlich das, was man eben nicht von ihnen erwartet. Nachdem Reznor sich mit seiner Band Nine Inch Nails frei gemacht hatte von Labelpolitik und à la Radiohead bevorzugt kostenfrei im Internet publizierte (und den Hardcore-NIN-Fans die Möglichkeit gab, ihr Geld in teuren Luxus-Editionen anzulegen), tat er sich mit seiner Ehefrau Mariqueen Maandig und Ross für das Electro-Projekt How To Destroy Angels zusammen, dessen EP ebenfalls als freier Download zu haben ist. Nun beschreitet er mit Ross den diametral anderen Weg und wählt für einen Film-Soundtrack – eine Nischenveröffentlichung par excellence – das beschriebene Format.
Auf einer Länge von drei CDs arbeiten sich Reznor und Ross auf knapp drei Stunden (und somit 20 Minuten länger als der Film dauert!) an allem ab, was die musikalische Untermalung eines Films formell hergibt: elektronische Klangwände, Soundspielereien mit Schlaginstrumenten und Glockenspielen, Flötenspiele, Snippets, Industrial-Bretter und klassische Liedstrukturen. Schließt man die Augen, kommen einem (ohne dass man David Finchers Film gesehen haben muss) typische Filmszenen in den Sinn, zerreißt es einen manchmal vor Spannung, sind Wut und Trauer manchmal mit Händen zu greifen – in den besten Parts des Soundtracks. Ist man jedoch mit der Handlung der literarischen Vorlage, Stieg Larssons Roman „Verblendung“, vertraut, visualisieren sich nebelwabernde schwedische Landschaften, abgründige Familiengeschichten und rohe Gewalt.
37 der 39 Stücke sind komplett instrumental und phasenweise gelingt das Kunststück, dass sie miteinander agieren wie die Szenen eines guten Filmplots; auf eine aufregende Jagd folgt eine Elegie, die den Puls sich beruhigen lässt, bevor das Tempo wieder anzieht wie das Motorrad, auf dem die Protagonistin Lisbeth Salander durch die schwedische Ödnis rast. Über all dem schwebt das mal bleischwere, mal liquide Pathos, das der Musik Trent Reznors, des dunklen Goldjungen des Industrials, seit je zu eigen ist.
Die beiden stärksten Stücke rahmen das Mammutwerk. Der von Karen O. gesungene Opener, ein nah an der treibenden Kraft des Originals orientiertes Cover von Led Zeppelins „Immigrant Song“, führt kreischend-brutal ein in die seelischen Abgründe, die in „The Girl With The Dragon Tattoo“ thematisiert werden. Und das finale „Is Your Love Strong Enough?“, eine energische, warme Synthie-Ballade, interpretiert von How To Destroy Angels, ist der cineastisch-träumerische Ausklang, der den Helden gen Sonne reiten und den Zuhörer mit der Frage zurücklässt, ob es wirklich drei Stunden hätten sein müssen. Trent Reznor-Aficionados werden an diesem Soundtrack Freude haben, und die perfekte Produktion lässt denn auch wenig zu wünschen übrig. Es scheint, als hätten Reznor und Ross Ideen für einen knackigen 90-Minüter gehabt, diesen dann aber auf die doppelte Länge gestreckt. Reznors Aussage, dieser Soundtrack sei „die schönste und verstörendste Musik“, die Ross und er jemals gemacht haben, ist somit nur zur Hälfte zuzustimmen. Wobei diese Hälfte immer noch schöner und verstörender ist als das meiste andere, was in diesen Tagen auf den Markt kommt.
Video: „Immigrant Song“