Interpret:
Travis
Plattentitel:
Ode To J Smith
Label:
Red Telephone Box / Vertigo / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 20.10.2008
Ein Mann steht beim Frequency-Festival 2008 im Pressebereich und wird von den Reportern des österreichischen Fernsehens gebeten, seine Gedanken in eine Sprechblase aus Pappe zu malen, um sie derart visualisiert in die Welt hinausposaunen zu können. Der Mann überlegt kurz, nimmt sich seinen Edding und zeichnet drauflos. Nach einer knappen Minute zeigt er sein Resultat mit einem stolzen Lächeln: Ein Hund, so naiv und kindlich gemalt, wie er sonst nur von Vorschulkindern gezeichnet werden könnte. Darüber steht in großen Lettern „DOG“, damit auch ein jeder weiß, was der Künstler mit seinem Werk ausdrücken wollte.
Keine zwei Stunden später steht der Mann mit seiner Band auf der Centerstage. Es handelt sich dabei um Fran Healy, sympathischer Sänger der schottischen Band Travis. Und mit derselben einnehmenden Naivität mit der er kurz davor seinen Strichhund gezeichnet hat spielt er nun die Songs seiner Karriere. Keinen Cent hätte man nach dem schwachen „The Boy With No Name“ noch auf Travis gesetzt. Zu ideenarm und einfallslos waren die Songs, zu gewollt der Versuch, nach dem zu Unrecht vom Publikum ungeliebten „12 Memories“ wieder bei alten Großtaten anzuknüpfen. So versandete „The Boy With No Name“ im Niemandsland des seichten Pops, wurden Travis zu den großen Verlierern des letzten Jahres.
Und nun ist „Ode To J. Smith”, das sechste Album, in vielerlei Hinsicht eine Überraschung geworden. Zunächst einmal haben Travis das Album in gerade einmal zwei Wochen eingespielt. Genauso spontan und frisch klingen die Songs. „Last Words“, mit feingezupftem Banjo und der leichten Melancholie, die über allem schwebt, trägt Spurenelemente des „Invisible Band“-Geistes in sich, während das trotzige „Long Way Down“ mit seiner E-Gitarre und dem für Travis-Verhältnisse schweratmenden Schlagzeug an „Good Feeling“ erinnert.
Alles an „Ode To J. Smith“ kommt einem ungewohnt bekannt vor, andererseits scheint man Dinge zu erkennen, die man so noch gar nicht von Travis kannte. „J Smith“ zitiert zu Beginn die Dire Straits und Doobie Brothers, entwickelt sich mit zunehmender Dauer zu einem kleinen Prog-Pop-Monster, das in einem Wagnerianischen Opernchor seine Klimax findet, nur um zum Schluss zum Anfangsmotiv zurückzukehren. Das ist aufrichtig schön, es gibt einem den Glauben an die Band zurück doch vor allem ist es: aufregend anders. So, als würde die sonst so dröge Sekretärin eines Tages mit ihrer Harley Davidson vor dem Büro vorfahren.
Man kann sich dem Bann dieses Albums nicht entziehen. Es zeigt eine Band, die nach Jahren des Zweifelns wieder an die alten Stärken glaubt und diese endlich wieder umzusetzen vermag. Eine Kleinigkeit fällt mir beim Schreiben dieser Rezension in Verbindung mit dem gezeichneten Hund Healys wieder ein: Bei aller Naivität, die der Hund ausstrahlte, bei all seiner Friedfertigkeit, er hatte Zähne.