Interpret:
Tommy Finke
Plattentitel:
Poet Der Affen / Poet Of The Apes
Label:
Roof Music / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
3.5 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 22.02.2010
Der Bochumer Indie-Popper Tommy Finke liefert nach 3-jähriger Pause sein zweites Studioalbum. Auf Deutsch und auf Englisch. Die Deutsch-Quote sichern und gleichzeitig über das Ruhrgebiet hinaus zu expandieren, um sich den internationalen Markt zu erschließen. Gute Idee – neu ist sie aber nicht, denkt man an unseren US-Export-Schlager aus dem Osten oder an die Punk-Opas aus Düsseldorf. Tatsächlich funktionieren die englischen Songversionen sehr gut, sofern man den gelegentlich durchsickernden Akzent vergisst, die ihn eindeutig als nicht-anglophonen Liedermacher ausweisen. Gerade bei Songs wie „No Ship ´Cross The Mersey“ erscheint die englische Version in einem völlig neuen Licht, in dem die Helden des 29-jährigen Songwriters überdeutlich zu erkennen sind.
Nicht zufällig singt er im Refrain der Singleauskopplung „Stop The Clocks“ - so auch nebenbei der Titel der Oasis Best-Of - Zeilen wie „Halt alle Uhren an / Hier kommt der Masterplan“. Bei der leicht öligen Pop-Nummer „Die B-Seite Der Single“ fällt erst beim genaueren Hinhören auf, dass es sich hier nicht um ClickClickDecker handelt; ebenso verhält es sich bei Finkes Shanty „Um Den Schlaf Gebracht“, der ebenso gut ein Seitenableger von Wolf Maahn hätte sein können. Bei dem wohl stärksten Track „Raus Aus Dieser Stadt“ zeigt er, dass er so ziemlich alle Register ziehen kann, um einen radiotauglichen deutschen Indie-Hit zu schreiben, zu dem hippe Abiturientinnen mit aller Textsicherheit bestimmt gerne abgehen.
Auch wenn eine angenehm akzentuierte Mundharmonika und dezente Streichereinsätze für den einen oder anderen gut abgerundeten deutschen Popsong sorgen, so bleibt Tommy Finke mit seinem Album Lichtjahre von dem entfernt, was die Produktpalette deutschsprachiger Künstler von Niels Frevert zu Tom Liwa anzubieten hätte. Zynismus, Kritik oder die Befindlichkeiten der eigenen Lebenslage kommen in den Texten zu äußerlich und dünn rüber, als dass poetische Energie an ihnen haften könnte. Bei lyrischen Ergüssen wie „Ein neuer grauer Tag / Und alles schmeckt fad´“ trieft es wie nasse Wäsche auf den kalten Boden der Germanisten. Fast schon tut Finke einem leid, wenn man bedenkt, dass Zeilen wie „Das ist die Arroganz der Gosse / Die uns trägt bis du stirbst“ von Dirk von Lowtzow gesungen als bedeutungsschwere Metapher abgefeiert worden wäre. Tommy Finke, der bald als Support für Senor Matze Rossi (Ex-Tagtraum) in Köln zu sehen sein wird, kommt aus der Zwangsjacke nicht heraus, in die er sich selbst begeben hat. Nichts an diesem Album ist verkehrt, doch gerade weil so viele Deutsch-Pop-Klischees freudestrahlend bedient werden, bleibt es ohne großes Belangen.
Für einen totalen Verriss ist das Album dennoch nicht schlecht genug. Und ehe man sich versieht, ist das Album auch schon vorüber und man überlegt sich, welchen Eindruck sie hinterlassen hat. Viel zu mustergültig und vorhersehbar, um innovativ zu sein. Viel zu glatt die Produktion, viel zu akkurat und fehlerlos die Arrangements, um Spuren zu hinterlassen. Dem eigenen Anspruch, die Platte solle „den Charme des Unperfekten haben“, wird der Bochumer Songwriter nicht gerecht – denn die Perfektion ist dieser Platte zum Verhängnis geworden.
Video: „Halt' Alle Uhren An“