Interpret:
These New Puritans
Plattentitel:
Hidden
Label:
Domino / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 25.01.2010
Als These New-Puritans-Frontmann Jack Barnett vor zwei Jahren im Crazewire-Interview ankündigte, dass man sich für den Nachfolger des grandiosen Debütalbums „Beat Pyramid“ musikalisch in eine andere Richtung bewegen wollte, gar daran denke, eine Ballade zu schreiben, da schmunzelte man zunächst. Zu der Zeit schwebten Songs wie „Elvis“, „Numerology“ oder „Colours“ noch durch den Kopf des Rezensenten, der sich schwerlich vorstellen konnte, wie man diese überragende Songkollektion namens „Beat Pyramid“ noch steigern sollte. Geschweige denn: Wieso überhaupt Veränderung?
Nun, zwei Jahre nach diesem besagten Interview, möchte man Barnett am liebsten einen großen Blumenstrauß als Entschuldigung schicken, dass man überhaupt zweifelte, die Band könne die Erwartungen nach dem grandiosen Debüt nicht mehr erfüllen. Denn um es vorweg zu nehmen: „Hidden“ ist in seiner Komplexität, seiner schieren Experimentierfreude und der Lust am Rhythmus der erste Meilenstein der noch recht jungfräulichen Dekade geworden und übertrumpft das im Vergleich dazu recht jugendlich ungestüme „Beat Pyramid“ um Längen.
These New Puritans haben ihre schneidenden Gitarren und die gesamten Post-Punk-Referenzen des Vorgängers eingemottet und sich wie ambitionierte Schauspieler auf ihre neuen Rollen vorbereitet. So lernte Barnett unter anderem das Notenlesen, damit er den Einsatz der Chöre und Bläser besser koordinieren und überwachen konnte. Dass dies eine gute Idee war, beweist bereits der Opener „Time Xone“, das mit seinem Blech- und Holzbläser-Ensemble Erinnerungen an Talk Talks „Laughing Stock“ heraufbeschwört. Und doch ist dies nur der Prolog zu einer wahren Tour de Force, die sich gleich im siebeneinhalbminütigen „We Want War“ entlädt. Hier vermischen sich tribale Rhythmen mit klaustrophobisch sirrenden Synthies und unheilvollen Bläsern zu einem düsteren Amalgam, das nach knapp dreeinhalb Minuten vom Stakkato-Gewitterregen in ein symphonisches Donnergrollen mündet. Als würde James Bond-Filmkomponist John Barry den Soundtrack für eine Folge der Serie "Lost" orchestrieren, in der Massive Attack gemeinsam mit M.I.A. ums Überleben auf der Insel kämpfen würden.
Mit welcher Freude am Detail These New Puritans zu Werke gehen, kann man jedem der 11 Songs anhören. Da werden Messer geschärft, die wie Macheten durch die Beats hacken, bricht Glas, werden Ketten gerasselt, während ein Fagott gedankenverloren eine kleine Melodie spielt („Attack Music“). Die Songs sind grundsätzlich länger geworden, die kurzen Eruptionen des Debüts wurden für ausgeklügeltere Songideen eingetauscht. Einzig „Fire-Power“ erinnert mit seiner zügellosen Kraftmeierei noch an „Beat Pyramid“. Kein Wunder, hat die Band diesen Song bereits vor zwei Jahren in ihrem Live-Repertoire gehabt.
In „Hologram“ verneigt sich die Band vor der großen Kate Bush, lässt wuchtige Bassdrums auf ein perlendes Klavier treffen, die von Bläsern konterkariert werden. Dies wird sie wohl sein, die Ballade, von der Jack Barnett im Interview sprach und die einen sprachlos macht. „White Chords“ ist dann der heimliche Hit, in dem Jack Barnett wie eine Kreuzung aus Alex Kapranos und Thom Yorke im Fieberwahn über flirrenden Gitarren singt, während die Synthesizer Fehlermeldungen ausspucken. Wo man auf diesem Album auch hinhört, immer gelangt man an musikalische Orte, die so fremd klingen, als hätte man soeben als erster Mensch den Mond betreten, die gleichzeitig aber auch so vertraut sind, dass man sich ohne Probleme vorstellen könnte, sich hier heimisch einzurichten. Fernab aller Zivilisation. So muss es sich anhören, das Leben nach der Post-Apokalypse.
Video: „We Want War"