Interpret:
The Horrors
Plattentitel:
Primary Colours
Label:
XL / Beggars / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 18.05.2009
Wunder gibt es immer wieder. Nicht nur im Fußball und in der Liebe wird diese Floskel bei weitem überstrapaziert, auch wenn es um Musik geht, ist man schnell dabei, diese Phrase aus dem Hut zu ziehen. Da veröffentlicht eine bis dahin mäßig talentierte Band ein Debütalbum, das so unbeholfen zwischen den Genres pendelt, Punk mit quietschigen Elektroniksounds kombiniert, und dann zu Recht untergeht. Die Band ist vergessen, ehe man den eh schon kurzen Albumtitel „Strange House“ ausgesprochen hat. Ein Fall für den Wertstoffhof, vielen Dank und auf Wiedersehen.
Die Rede ist von der britischen Band The Horrors und die Geschichte wäre jäh zu Ende und nicht der Rede Wert, käme hier und jetzt nicht das vielzitierte Wunder ins Spiel. Geoff Barrow heißt der Mann, der den Sound der Band umgekrempelt hat wie ein auf links gewaschenes Hemd. Der Mann, der quasi Portishead verkörpert (gäbe es da nicht noch die Chanteuse Beth Gibbons), ist für die Band in etwa das, was Rick Rubin für Johnny Cash war. Der letzte Ausweg aus der Sackgasse, die letzte Chance, noch einmal triumphal zurückzukehren. Man hört dem Album nahezu an, wie sich beide Seiten langsam annäherten. Begann „Strange House“ noch mit einem monströsen Riff und dickärschigen Feedbackgitarren, so geht im Eröffnungssong des neuen Albums „Primary Colours“ quasi die Sonne auf, während ein elektronischer Beat die sphärischen Keyboardklänge untermalt. „Mirror‘s Image“ ist der Auftakt eines Albums, das, wenn es schon nicht in die Musikgeschichte eingehen wird, so doch zumindest einen ständigen Ehrenplatz im Gedächtnis haben wird und Erinnerungen wachruft. Echo & The Bunnymen? The Jesus & Mary Chain? My Bloody Valentine? Ja, ja und ja, man hört die Einflüsse mehr als deutlich heraus und trotzdem entwickelt sich aus diesem Schmelztiegel ein neues Gebräu, das so süffig und süchtigmachend ist, dass man von „Primary Colours“ nicht genug bekommt.
Von überall her kommen die windschiefen Gitarren, fliegen von rechts nach links, während sie zwischendurch abzubrechen drohen, um dann doch unbeirrt ihre Kreise zu ziehen. Immer weiter, immer weiter. Am Imposantesten gelingt dies auf „I Only Think Of You“, wo die mäandernden Feedbackgitarren wie bei „Venus In Furs“ von The Velvet Underground im Delirium durch den Raum torkeln, während Sänger Faris Badwan zur Reinkarnation Ian Curtis‘ wird, wenn er mit Grabesstimme intoniert: „Don‘t Go / Cause You Know I Will Follow / You Know If I Lose You I‘ll Go Mad“.
Und Geoff Barrow? Sorgt hier und da für seine Trademarksounds, wenn er Beats verschleppt. Wenn am Ende von „I Can‘t Control Myself“ eine Tremoloorgel unter Drogen aufheult. Wenn in „Sea Within A Sea“ zunächst eine mystisch gezupfte Gitarre Agentenstimmung hervorruft, bis der Song dann eine abrupte Kehrtwende vollzieht und sich mit vollem Eifer in ein kühles Synthesizer-Arpeggio wirft wie ein Sonnenkönig in der Abenddämmerung. Es sind dies die Momente, die hängenbleiben und trotz allem ist „Primary Colours“ nicht das Werk eines einzelnen Produzenten geworden, sondern ganz und gar ein Gemeinschaftsprojekt, in der jedes Zahnrädchen ineinandergreift. Dies ist nicht das Werk einer komplett anderen Band, wie man es derzeit überall nachlesen kann. Dies ist die Weiterentwicklung einer Band im Zeitraffer. Als schaue man einer Raupe dabei zu, wie aus ihr ein Schmetterling wird: kein Wunder, sondern alles ganz natürlich.