Interpret:
The Gaslight Anthem
Plattentitel:
American Slang
Label:
SideOneDummy / Cargo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.0 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 05.07.2010
Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, Horden, Scharen von Fans, die sich von junger New-Jersey-Wut haben anstecken lassen, lasen monatelang orakelhaft in den Aschenbechern und Bierflaschen. Bruce Springsteen erlebte eine Renaissance und wurde selbst für poplinke US-Nationalismuskritiker wieder richtig angesagt. Sänger Brian Fallon - mittlerweile zum Emblem jener Punkrocker geworden, die zu neuen Dylans und Reeds emporgehoben werden. Die Medien überboten sich in astronomischen Superlativen, wie bodenständig, wie kredibel diese vier romantischen Rampensäue ihre Haltung beibehielten. Die Neue ist raus.
Bei „American Slang“ haben The Gaslight Anthem das Schulterklopfen für die bislang hervorragenden EPs und LPs wohlwollend aufgenommen und dementsprechend an ihren Leisten weitergeschustert. Die Platte hält, auch diesmal, die schwitzende Männermusik, die euphorischen Refrains und die minimalistischen Harmonien aufrecht, die nichts anderes tun als Brian Fallon bei seinen Selbstheilungs-Parolen fleißig und auf den Punkt zu unterstützen. Dass Fallon wieder mal wie eine stark erkältete Bonnie Tyler klingt, halten wir ihm zugute. Was durch den Filter der musikjournalistischen Hypemaschine ging, ist der Soul. Vielmehr sein Fehlen. Die halsbrecherische Energie der Aussteiger-Poetik, die noch bei „The '59 Sound“ das Alleinstellungsmerkmal des Quartetts ausmachte, erliegt der Umoriertierung hin zu einem schonungslos heroischen Phrasenbrei, dem es am schwarzen Soul missen lässt.
Uns sollten nicht die Tränen kommen, denn es sind immernoch dieselben Hymnen, geschrieben von sympathischen Jungs mit „Blue Jeans And White T-Shirts“. Doch gebrochene Entwicklungslinien hätte „American Slang“ zu mehr Tiefe verholfen. Uns bleibt ein Phantomschmerz - und die Hoffnung, dass Brian Fallon in Zukunft zur Abwechslung mal Miles Davis anstatt Jesus danken sollte.
Stream: „American Slang“