Interpret:
The Decemberists
Plattentitel:
The Hazards Of Love
Label:
Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 20.04.2009
Aus einem alten, staubig-vergilbten Buch muss die Geschichte stammen, aus der Colin Meloy, Mastermind der Decemberists, die Geschichte des fünften Albums „The Hazards Of Love“ gestrickt hat. Erzählt wird die Story von Margaret und ihrem Liebhaber William, die selbstverständlich unglücklich enden wird. In Nebenrollen treten auf: ein Faun, ein Schürzenjäger und Mutter Natur.
Ein Konzeptalbum also, eine Rockoper im Stile von The Who’s „Tommy“ oder Pink Floyds „The Wall“. Musikalisch wiederkehrende Themen, eine Geschichte auf 17 Songs ausgewalzt, das zeugt von Mut, der jedoch sehr leicht in Größenwahn und Überschätzung münden könnte. Doch glücklicherweise trifft all das nicht auf „The Hazards Of Love“ zu, einem Werk, das man den Kanadiern so nicht zugetraut hätte.
Zwar wusste man um Meloys Erzähltalent bereits von den Vorgängeralben, wo bereits allerhand lustiges Gesindel sein Unwesen treiben durfte. Doch noch nie zuvor haben die Decemberists ihre stets wohlformulierten Texte in so maßgeschneiderte Arrangements gesteckt. Das fängt bereits mit dem Titelsong an, der in vier Teile gesplittet ist und mit einer geisterhaft gezupften Gitarre gesegnet ist, wie man sie sonst nur aus den besten Zeiten von Led Zeppelin und ihrem Gitarristen Jimmy Page kannte. Schnell ist man im nebligen Traumwald versunken, werden Schatten zu Fabelwesen, erklingt ein Kinderchor (ein Kinderchor!) im irrlichternden Nachhall „The Hazards Of Love 3 (Revenge!)“, der direkt von Roger Waters’ Dachboden der Erinnerungen an „Another Brick In The Wall“ zu stammen scheint.
The Decemberists versuchen die Megalomanie der Siebziger Jahre mit ihren Mitteln wiederauferstehen zu lassen. Da wird das rockige Intermezzo „The Queen’s Rebuke / The Crossing“ mit seinem psychedelischen Einschlag vom folkigen „Annan Water“ abgelöst. Doch keine Angst, alte Fans der Decemberists! Hier und da erklingt ein Banjo, umschmiegen sich die Stimmen von Margaret und William (Becky Stark und Meloy), in gewohnter Manier. Die elisabethanische Grundstimmung, dieses Gefühl des Verlorenseins, bleibt jedoch in jeder Sekunde und steigert sich im Laufe des Albums zu einem unheilsschwangeren Crescendo.
Das Album funktioniert dabei wie eine optische Täuschung, wie man sie aus alten, vergilbten Büchern kennt und in denen man manchmal eine alte Frau, dann wieder ein junges Mädchen erkennt. Man kann sich entweder in der Musik verlieren, die mit zum Besten gehört, was die Decemberists in ihrer bisherigen Karriere aufgenommen haben. Oder man konzentriert sich auf den Verlauf der Geschichte, auf das Zusammenspiel der Personen. Für was man sich auch entscheidet, spätestens wenn mit „The Hazards Of Love 4 (The Drowned)“ der letzte Vorhang gefallen ist, Margaret und William den Gefahren der Liebe erlegen sind und man mit einer Träne im Auge auf die Wiederholtaste des CD-Players drückt, wünscht man sich all die längst vergessenen Freunde aus vergangenen Tagen zurück. Wo sind sie geblieben, die Pinball Wizards und die von den Vätern verlassenen Drogenwracks?