DETAILS

Interpret:
The Books

Plattentitel:
The Way Out

Label:
Temporary Residence Limited / Cargo

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
7.5 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 23.08.2010

PLATTENKISTE

The Books - The Way Out

The Books - The Way Out

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Nick Zammuto und Paul de Jong ihre musikalischen Märchenbücher wieder aufschlugen. Um genau zu sein, liegen jetzt fast fünf Jahre zwischen ihrer letzten Album-Veröffentlichung, „Lost And Safe“ und dieser. Mit „The Way Out“ haben sie für ihre lange Abwesenheit - die 2006 veröffentlichte EP „Music For A French Elevator And Other Short Format Oddities By The Books“ oder die Prefuse 73 Remixe „Prefuse Reads The Books E.P.“ aus dem Jahr 2005 gar nicht mitgezählt - einen Titel gewählt, der bedeutungsschwangerer nicht hätte ausfallen können. Gerade bei The Books drängt sich die Frage auf, woraus sie sich wohl befreien wollen. Aus ihrem hektischen, ins Mark fahrenden Indietronic-Folk? Aus den Vertrackten Strukturen ihrer Songgerüste, die sie von überall her herantragen? Oder aus der eigenen Verkopftheit mit einer großen Liebe Organisches in den Sample-Salat zu werfen?

Die beiden Querköpfe aus New York werden wohl die einzigen sein, die eine Antwort darauf geben können. Für uns Hörende ist auch eigentlich nur wichtig zu wissen, dass The Books auch auf ihrem vierten Album, das zum ersten mal in ihrer Karriere nicht auf Tomlab erscheint, keine Gebrauchsanleitung beigelegt haben. Wir dürfen uns somit auf weitere 50 Minuten zerhacktes Geschichtenerzählen freuen.

Gerade Paul de Jong wird wohl für das neue Album mal wieder die Flohmärkte, Pawn- und Video-Shops nach den abgefahrensten Videos abgeklappert haben, um neues Voice-Sample-Material für „The Way Out“ zusammenzutragen. Denn auch auf auf „The Way Out“ sprudelt es nur so vor befremdlichen Samples, die Teilweise auf satanisch anmutende Weise mit brummenden Synthesizern und rumpelnden Perkussionen verknüpft wurden wie in „I Am Who I Am“. Anders sieht es im bis ins letzte Sample verdrehten und zerlegten „I Didn't Know That“. Hier kommt dezent der Soul, wenn nicht so gar ein bisschen HipHop-Charme durch. Allerdings verbinden die beiden in gewohnter Manier die Voice-Samples und die nervösen Rhythmen mit teils kleinen, teils großen Gitarren-Anleihen. Klein sind sie, wenn sie sich der Nervosität eines Songs wie „A Cold Freezin' Night“ beugen. Groß hingegen sind sie, wenn The Books für einen Moment ihren stürmischen Drang vergessen und wundervolle Folk-Songs produzieren. Doch dazu gleich mehr.

Vielleicht ist es etwas weit hergeholt, aber als ich das erste mal ihr Debüt „Thought For Food“ hörte, blieb mir ganz besonders ein Song im Gedächtnis haften. Es war der „Motherless Bastard“, der mich mit seiner unglaublich tragenden Art rührte. Doch was mir auch heute noch immer einen Schauer über den Rücken laufen lässt, ist der Anfang des Songs, der mit einem Voice-Sample beginnt. Zu hören ist ein kleines Kind, das mit einer verzweifelten Stimme nach seiner Mutter und seinem Vater fragt. Als Antwort auf seine Frage bekommt es von einer entschlossenen Männerstimme zu hören, dass es keine Eltern habe und sie gegangen seien. Das Kind ringt um Aufmerksamkeit und um die Anerkennung, das es das Recht hat, eine Mutter und einen Vater zu haben. Wir erfahren, dass die Männerstimme, die die Existenz seiner Eltern leugnete, die Stimme seines eigenen Vaters ist, und dieser sein Kind zurückweist. Alleine und zurückgelassen, geistert die Kinderstimme zum Ende des Songs umher, noch immer auf der Suche nach seinen Eltern. Traurig ohne gleichen.

Worauf ich hinaus will ist folgendes: Es scheint, als würden The Books mit „The Way Out“ zumindest in einem Song in die Rächerrolle jenes „Motherless Bastard(s)“ schlüpfen. Denn in „A Cold Freezin' Night“ sind es Kinderstimmen-Samples, die die Grausamkeiten aussprechen. Es werden Drohungen ausgesprochen, jemanden zu töten. Es ist der Kampf im kleinen: Jungen gegen Mädchen, bis zum bitteren Ende. Egal ob mit einem Messer, einer Shotgun oder sonstigen Mitteln. Brutal und wirklich schauderhaft ist diese plötzliche 180°-Wende. Die Kinder schlagen zurück und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund.

Doch wieder zurück zu den großen Momenten der Gitarre. Nach all den wie auf aufputschenden Drogen geratenen Songs, brechen The Books hin und wieder aus und liefern Songs ab, die „The Way Out“ zur Ruhe kommen lassen. Und „All You Need Is A Wall“ ist dabei das Glanzstück auf diesem Album. Eines mit so herrlichem Frauengesang, der einem zu sagen scheint, dass alles schon wieder gut werden wird und keine Angst von Nöten ist. Dazu diese satte Akustik-Gitarre und die Klänge, die irgendwo zwischen einer Violine und einer Mundharmonika zu verorten sind. Herrlich schön. „We Bought The Flood“ dagegen lässt die noch eben aufgebaute tröstende Atmosphäre in einem Meer der ruhigen Verzweiflung wieder untergehen. Und da ist er plötzlich, der Sinn dieses Albums: Nick Zammutos an The Notwist erinnernden Gesang zu den minimalen Klängen bringt es auf den Punkt. „All of this will disapear as quickly as it came / The fire and the rain, ups and downs and rearange / Focus on the pain / Focus on the way to get out“, heißt es dort.

The Books sind Barden zwischen den Extremen, die mal die Samples aus dem Mixer heraus für sich sprechen lassen und mal die Gitarre zu knisternden Geräuschen für sich sprechen lassen. Wer gleichzeitig ein romantisches Drama und einen Psychothriller lesen oder hören möchte, der war bisher und ist mit The Books weiterhin bestens aufgehoben. Das ist anstrengend, aber die Lesereise wert.

Video: „A Cold Freezin' Night“


 

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