DETAILS

Interpret:
St.Vincent

Plattentitel:
Actor

Label:
4AD / Beggars Group / Indigo

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
7.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 04.05.2009

PLATTENKISTE

St.Vincent - Actor

St.Vincent - Actor

Haltet mich fest, denn ich drohe aus dem Gleichgewicht zu geraten. Mit jedem neuen Blick auf das Cover zu St. Vincents zweitem Album, „Actor“, überkommt mich ein besinnungsloser Schwindel, der sich in ihren grün funkelnden Augen, in jeder Windung ihrer erheiternden Locken verliert. Die grazile Anmut ihres sanften Teints und der blassen Lippen lässt mich schwelgen, ja träumen. Annie Clark ist ohne Zweifel eine wahrhaft wunderschöne Frau, deren Existenz nicht in dieser Welt begründet liegen kann. Wo ist also diese Welt, in der man einer Frau wie ihr, die nicht nur schön sondern auch eine begnadete Musikerin ist, begegnen, auf die Knie fallen und ein leises „Marry Me“ –wie auf ihrem ersten Album- aussprechen darf?

Im Film bzw. den daraus entsprungenen Phantasien wird man ihr über den Weg laufen. Schließlich heißt ihr neues Album nicht umsonst „Actor“. Inspiriert von einigen ihrer Lieblingsfilme arrangiert St. Vincent elf Songs, die sich mit ihren Melodien am Zauberer von Oz, Dornröschen oder tragisch komischer Woody Allen Filme abarbeiten. Doch wer jetzt nur an nicht aus tiefen Träumereien erwachende Songs denkt, liegt weit daneben. Mit „Actor“ zeigt sich St. Vincent weit mehr progressiver, bedrohlicher, als sie es noch auf „Marry Me“ war. So klingt „The Strangers“ zunächst noch wie irgendwo über dem dramatischen „Black Rainbow“ schwebend, bevor sich der Song zu krächzenden Gitarren aufbäumt. Das süße Cover hat also weniger mit dem tatsächlichen Inhalt zu tun, so dass man fast sagen kann „Save Me From What I Want“.

Dennoch findet man auf „Actor“ Annie Clarks bezaubernde Betörungen in fast jedem ihrer Songs. Ihre Stimme lässt den teilweise radikal vertonten indieesken Pop/Rock in einem ganz anderen Licht scheinen. Ihre aktuelle Single, „Actor Out Of Work“, zum Beispiel ist ein vor psychedelischen Gitarren-Verzerrungen rumpelnder Song, dessen Anker seinen Halt in ihrer locker leichten Stimme wieder findet. Bei „Laughing With A Mouth Of Blood“ angekommen, weiß man dann auch, dass dieser Song vom Prinzip so heißt, wie sich das ganze Album anhört, anfühlt. Das Süßliche in Clarks Stimme, die kleinen Schwelgereien werden auf „Actor“ mit herben melodischen Emotionen angereichert, die so manche schön wirkende Songstruktur zerreißen. Der Schauspieler wird demaskiert, sein innerer Zwist offen dargelegt, bis er nur noch ein „Help me / Help me“ wie in „Marrow“ von sich geben kann.

Doch dann taucht wie aus dem Nichts kommenden mit „The Party“ ein Song auf, der vollends die bis dahin vertonte Zerrissenheit ablegt. Er gleitet zu minimalen Perkussionen mit einem bedächtigen Klavier und dem erhebenden Gesang von Clark und Chor dahin. Von da ab klingt „Actor“ wie ausgewechselt, um nicht zu sagen „Just The Same But Brand New“. Von krachenden Distortions kann für den Rest des Albums nicht mehr die Rede sein, auch wenn das Schlagzeug im gerade genannten Song für einen kurzen Moment einen explosiven Höhepunkt findet. Es bleibt abzuwarten, ob das tatsächlich folgende „[The] Sequel“ von St. Vincent einen ähnlichen Weg einschlagen wird. „Actor“ ist in jedem Fall ein verstörend schönes Album geworden, auch wenn die daran geknüpfte Erwartung eines ruhigen Albums nicht erfüllt wurde. Verlieben, darf sich doch trotzdem.


 

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