Interpret:
So So Modern
Plattentitel:
Crude Futures
Label:
Unter Schafen / Al!ve
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 29.03.2010
Post. Nicht das gelbe Logistikunternehmen mit dem schwarzen Horn, sondern das inflationäre Schlag-Suffix, ist in Kulturgazetten und Musikzeitschriften nicht mehr wegzudenken. Früher war alles Pop, heute ist alles Post. Post-Rock, Post-Punk, Post-Irgendwas. Da dieser Begriff eine zeitliche Einordnung nach einem bestimmten Ereignis kennzeichnet, haftet an ihm Progressivität. Post ist neues Denken, neues Schreiben, neues Darstellen. Die Postmoderne generiert Brüche, Schübe, Differenzen, und entrückt sich von dem, was die Moderne zu ihrer Zeit sein wollte. Auch wenn es der Name bei leiser Polemik nahe legt; So So Modern sind weder Modern, noch Postmodern, sondern mäandern mit ihrer Debütplatte „Crude Futures“ jenseits der Pole. Der Grund hierfür ist all zu deutlich: Inhalte, wie die unbändige Spielwut, künstlerischer Anspruch und beherzte Teenage-Kicks-Sympathie erschaffen eine Musik, die außerzeitlich ist. Sie ist ein Ereignis.
Sicher: Die Platte ist tanzbar. Gleich die erste Single „The Worst Is Yet To Come“ verführt zum Nicken, ebenso der Folgesong „Dendrons“ und das unglaublich aufwühlende „Holiday“. Auch wenn auf „Crude Futures“ ab und an auf gewohnte 4/4-Takte verzichtet wird, lassen sie Beine und Köpfe wippen. Wer die Liveberichte und -videos der fleißig tourenden Neuseeländer kennt, versteht auch die andere Seite der Band. Mit zappaesker Tightness wüten So So Modern über die Bühnen Europas, Australiens und Amerikas, scheppern mit noisigen Gitarren und schießen aus ihren Synthiesizern vertrackte, aber eingängige Melodien. Ein Highlight der Platte ist zweifellos das Instrumental „Berlin“, der den ehemaligen Labelmates Battles große Konkurrenz machen könnte. In elegischer Länge begeben die jungen Neuseeländer uns in Sphären und Sound-Scapes, lassen uns an ihrem Drive teilhaben und geben das Gefühl, bei einer ihrer Jam-Sessions dabei zu sein.
Auch das Artwork der Platte, bestehend aus dokumentarisch-realistischen Fotografien des Neuseeländers John Lake, ergänzt die Atmosphäre des Albums in stillvoller Weise. Eine unterbelichtete Pferdebox, ein graues Haus, das einen kalt anblickt, ein Mädchen auf Rollschuhen im Tigerkostüm, das in eine unendliche Leere starrt – all das in einer langsamen Bewegung von „so real“ zu „surreal“. Die Bewegung der Fotografien gehen So So Modern mit, nur das hier die Bewegung mit größerer Geschwindigkeit verläuft. Sie ist laut, nicht leise. Das Gespür für reduzierte Komplexität, die sich nicht versperrt, sondern zugänglich ist, zählt zu der großen Stärke der Band. Da ist es wieder, das Dazwischen. Nach 7/8-Takten und ausgefeilten Strukturen („Holiday“, „Give Everything“) nehmen sie den Fuß vom Gas und bleiben 3 Minuten lang auf unterster Sparflamme. Tanzen, Wüten, Spannung und Entspannung. Endlich mal eine Band, die sich traut zu spielen. Sie bringen es auf den Punkt: „putting the party back into participation“.
Hier wird es erneut hervorgebracht, das Ereignis. Die Platte transportiert in jedem der Songs die Idee von leidenschaftlicher, hedonistischer Kollektivität und gegenseitiger Inspiration. Das ist es, was sie mit ihrer Musik wollen und erreicht haben - „Creating a more fun and meaningful future through performance and music“. Die Band ist mehr als das, was man auf Plastik pressen kann. Die performative Seite der Musik, die nicht immer im Live/Studio-Dualismus aufgelöst werden kann, sondern diese Gegensätze manchmal übersteigt und eine eigene Synthese hervorbringt. Das ist die Dialektik von So So Modern. Und die ist weder Modern, noch Postmodern, noch Post-Irgendwas, sondern ein Happening, jedesmal wenn die Platte aus den Boxen kommt.
Video: „The Worst Is Yet To Come"