Interpret:
Sigur Rós
Plattentitel:
Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust
Label:
EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 24.06.2008
Ja, was ist das denn? Schon der erste Blick auf das Cover zu Sigur Rós´ neuem Album lässt darauf schließen, dass hier eine ganz andere Band zu uns sprechen könnte als man sie noch von „( )“ oder „Takk…“ kennt. Nackte Menschen laufen und springen nur mit Schuhen bekleidet über Straßen zu einem strahlend blauen Himmel in Richtung grüne Natur. Freudig, ja schon ausgelassen erscheint einem das Cover zu „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ was ins Deutsche übersetzt in etwa „Mit einem Dröhnen in unseren Ohren spielen wir endlos“ bedeutet.
Das von Sigur Rós bekannte Dröhnen in Form einer Wall of Sound ist auf diesem Album ein anderes. So wie das Cover es schon hat ahnen lassen, klingen die vier Isländer auf ihrem vierten Album –„Hvarf/Heim“ nicht mitgezählt. Schon mit der ersten Single „Gobbledigook“ haben sie mit einer rüttelnden Progressivität gezeigt, dass von nun an ein ganz anderer Wind von Island ausgehend wehen wird. Alle Schwermut und jegliche Melancholie haben sie von sich gestreift. Der Sonne, die man in Sigur Rós-Songs immer gespürt hat, ist es auf „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ nun doch gelungen, den grau verhangenen Himmel aufzureißen und mit voller Kraft die nackten Körper der Protagonisten im Video mit Bläsern und polymeren Perkussionen zu wärmen.
Und dass das keine Ausnahme auf diesem Album ist, beweisen die nachfolgenden Stücke. „Inní Mér Syngur Vitleysingur“ rumpelt mindestens genauso herrlich wie die Eröffnungsnummer „Gobbledigook“. Ein Xylophon sorgt für eine munter galoppiernde Melodie, die durch das kernig stampfende Schlagzeug begleitet wird. Was hier vor allem auffällt ist, dass Sigur Rós sich von ihrem bedrückten Müßigang verabschiedet haben, sie aber auf ein orchestrales Arrangement nicht verzichten können. Die Bläser strahlen in Einklang mit den sanften Streichern und ein Chor erhebt sich, um in voller Pracht zum Höhepunkt dieses Stücks präsent zu sein. „Gódan Daginn“ erinnert mit seinem sanften Gitarrenspiel und den tätschelnden Schlägen auf dem Schlagzeug an einen Song, der fast auch auf „Ágætis Byrjun“ passen könnte. Nicht gerade der auffälligste Song, aber dafür ein behutsamer Ruhepol auf „Með Suð…“.
Einfallsreich ist vor allem, dass der Albumtitel nicht in Form eines einzigen Songs wieder zu finden ist, sondern auf zwei Songs aufgeteilt wurde und das in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst kommt das anfänglich drückende und später durch die Bläser schimmernde „Við Spilum Endalaust“, das auch zugleich den mehr oder weniger vorläufigen Schlussstrich unter die neuen Klänge von Sigur Rós zu setzen scheint. „Festival“, der längste Song auf diesem Album, klingt fast so wie man es von Sigur Rós gewohnt ist. Gerade Jonsi lässt hier seine Falsett-Stimme ganz langsam zu minimal gehaltenen und im Hintergrund agierenden Klangteppichen erstrahlen, bevor der Song etwa ab der Hälfte beginnt, richtig Gas zu geben. Schlagzeug und Gitarre setzen plötzlich mit verschärftem Tempo ein und treiben den Song allmählich seinem bebenden Höhepunkt entgegen.
Was folgt ist der zweite Teil des Album-Namens. „Með Suð Í Eyrum“ verhält sich dabei mit den lockeren Klavierläufen ähnlich unauffällig ruhig wie „Gódan Daginn“ und ist nicht minder ansprechend. Dennoch wird das Glanzstück auf „Með Suð…“ mit „Ára Bátur“ erst noch kommen. Ein Songs, der so unbeschreiblich schön ist, das einem schon fast die passenden Worte dazu fehlen. Jonsi singt ganz bedächtig und nur von einem zärtlichen Klavier begleitet. Ab und an dringen fragile Streicher und ein Kinderchor vorsichtig aus der Leere hervor, um dann zum Höhepunkt wirklich alles bis dahin Gewesene in den Schatten zu stellen. Eine Gänsehaut läuft einem über den Rücken, wenn Chor und Orchester in den letzten zwei Minuten in all ihrer Pracht den Raum erhellen. Bilder der Glückseligkeit schießen einem durch den Kopf und man wünscht sich, dass irgendetwas Großartiges passiert, während dieser Song den Raum erfüllt. Überwältigend.
Eigentlich könnte das auch schon der perfekte Schluss für dieses Album sein, aber Sigur Rós haben sich da etwas Besseres überlegt. Mit „Íllgresi“, „Fljótavík“ und „Straumnes“ folgen noch drei weitere Stücke, die aber aufgrund ihres recht einheitlich geratenen Stils nicht weiter aus dem Rahmen fallen. „Fljótavík“ ist von diesen dreien der wohl schönste Song, der noch einmal die Marke Sigur Rós deutlich unterstreicht. Den Schlusspunkt setzen die vier Isländer aber mit einem Song, der gerade die englischsprachige Fachpresse sehr erfreut hat. Mit „All Alright“ hat es erstmal ein komplett in Englisch gesungener Song auf ein Sigur Rós-Album geschafft, der ganz langsam von gehauchten Bläsern getragen wird und wohl jedem unmissverständlich macht, dass ab sofort alles gut ist.
Mit „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“ ist es Sigur Rós gelungen, den eigenen Stil aus Experimental- und Post-Rock neu zu definieren, ohne aber auf die so typischen Elemente wie flächige Sounds, große Epen und Jonsis betörenden Gesang zu verzichten. Es sind nicht mehr die verzerrten, alles erschlagenden Passagen, die von einer inneren Last befangen dem Hörer entgegen gehalten werden. Sigur Rós sind mit diesem Album klarer, heiterer, polymerer und wesentlich direkter als sie es noch auf ihren zwei Vorgängeralben waren. Trotzdem bleibt zu sagen, dass wo Sigur Rós drauf steht auch Sigur Rós drin ist.
"Gobbledigook" - Sigur Ros