Interpret:
Serena Maneesh
Plattentitel:
No. 2: Abyss In B Minor
Label:
4AD / Beggars Group / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 12.04.2010
Um eines bereits zu Beginn klarzustellen: Alben wie „No. 2: Abyss In B Minor“ von Serena Maneesh werden nicht in konventionellen, schallgedämmten Studios aufgenommen. Für Alben dieser Kategorie muss man hinabsteigen in die dunkle, zwielichtige Umgebung einer Höhle in der Nähe Oslos, um einen adäquaten Klang zu erzeugen. Karg und einsam, aber auch roh und majestätisch. Der perfekte Nährboden für Alben, die klingen, als wären sie von riesigen Sagenwesen vor hunderten von Jahren aus eben diesem Felsgestein gehauen worden. Solche Alben werden genau genommen auch nicht aufgenommen, sie entstehen. Organisch. Sie atmen. Sie pulsieren. Pochen. Leben.
Dabei beginnt das Album noch recht konventionell mit den ersten gerade heraus rockenden Takten des Eröffnungsstückes „Ayisha Abyss“. Doch bereits nach zwei Minuten hat sich eine bedrohliche Wall Of Sound aus Bläsern, Stimmen und übereinandergeschichteten Feedbackgitarren aufgetürmt, die sich im Verlauf der fünfeinhalb Minuten potenziert und alles zermalmt, was ihm in die Quere kommt. So würde er wahrscheinlich aussehen, der uneheliche Sohn aus Primal Screams Meisterwerk „XTRMNTR“ und Radioheads „Kid A“, zehn Jahre nach seiner Geburt.
Serena Maneeshs zweites Album ist voller süchtigmachender, scheinbar zufällig zusammengewürfelter Versatzstücke aus Shoegaze, Industrial und Rock. Aus dem schrillen Zahnbohrer-Intro von „Reprobate!“, mit dem sich Trent Reznor auf der Stelle zum Brunch verabreden würde, schält sich eine Melodie, so zerbeult und zerschossen, dabei jedoch von einer klaren, weiblichen Stimme konterkariert. Diese Stimme von Lina Holmstrøm möchte gegen den Berg von Instrumenten und Klängen gar nicht ansingen, es reicht ihr, sich dort gespielt gelangweilt und lieblich einzurichten und ab und an Sonic Youths Kim Gordon zu empfangen, mit der sie dann Erfahrungen austauscht.
Immer wieder meint man sie hören zu können: die Höhle, in der das Album entstand. Mal tropft es sachte von der Decke, wenn die Norweger wie in „Blow Yr Brains In The Mourning Rain“ die ätherische Zeitlupe für sich entdecken und den großen Shoegaze-Ikonen My Bloody Valentine ein Denkmal setzen. Mal zittern die dicken Felswände, wenn Serena Maneesh im famosen „I Just Want To See Your Face“ metallische Stroboskop-Beats auf klassisch konditionierte Bläser hetzen. Fernab jeglicher Waldschratigkeit und Hippieseligkeit haben sich Serena Maneesh in dieser Höhle in der Nähe Oslos ein Refugium der Kreativität erschaffen. Wenn auf der Welt kein Platz mehr ist, kehren die Künstler eben in ihre Höhlen zurück.
Video: "I Just 'Want To See Your Face"