DETAILS

Interpret:
R.E.M.

Plattentitel:
„Murmur", „Reckoning" & „Fables Of The Reconstrucion" - Deluxe Editionen

Label:
I.R.S. Records / Capitol

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
Keine Wertung

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 09.08.2010

PLATTENKISTE

R.E.M. - „Murmur", „Reckoning" & „Fables Of The Reconstrucion" - Deluxe Editionen

R.E.M. - „Murmur", „Reckoning" & „Fables Of The Reconstrucion" - Deluxe Editionen

Wären R.E.M. ein Ehepaar, so hätten sie mittlerweile längst ihre Silberhochzeit gefeiert. Ein rauschendes Fest wäre das geworden, mit vielen alten Bekannten und Weggefährten, die der Band gratuliert und eine nicht enden wollende Laudatio gehalten hätten. Von den stürmischen Anfangstagen hätte man gesprochen, wo alles fast von selbst lief und vieles noch so einfach schien. Dann der Schritt zum Major-Label Warner, wo man den „Ausverkauf“-Rufen der hartgesottenen Fans trocken die beiden Meisterwerke „Out Of Time“ und „Automatic For The People“ unter die Nase rieb. Einer Midlife-Crisis mit dem krachigen „Monster“, dem introspektiven „New Adventures In Hi-Fi“ und dem Beinahe-Zusammenbruch „Up“ folgten dann ruhigere, beschaulichere Jahre, in denen man stolz zurückschaute auf das Erreichte und ab und an noch eine weitere Platte veröffentlichte. Wären R.E.M. ein Ehepaar, so würden die Gäste nun freudestrahlend applaudieren.

Die Zahl 25 scheint in der Welt von R.E.M. aber auch jenseits jeglicher Silberhochzeitsassoziationen von Bedeutung zu sein. 2005, zum 25-jährigen Bestehen der Band, wurden sämtliche auf Warner herausgekommenen Alben in schicken Neueditionen wiederveröffentlicht. Seit 2008 erscheinen nun auch nach und nach die fünf ersten, auf I.R.S. erschienenen Alben in erweiterten und digital remasterten Versionen. Pünktlich zu ihrem jeweiligen 25-jährigen Jubiläum.

Den Anfang machte „Murmur“, das epochale Debüt, das 1983 wie aus dem Nichts in die amerikanische Musiklandschaft platzte. Statt ihren Sound im Studio künstlich aufzupolieren, so wie es zu der Zeit gerade in Mode war, erschufen R.E.M. mit „Murmur“ eine live-ähnliche Atmosphäre, die in den kommenden Jahren zum Markenzeichen der Band werden sollte. Dies kann man auch auf der Bonus-CD nachhören, die ein komplettes Live-Konzert aus Toronto aus dem Jahr 1983 beinhaltet und sich nicht wesentlich vom Album unterscheidet. Zwar beginnt „Radio Free Europe“ mit einem verfremdeten Keyboardarpeggio, dieses geht jedoch nahtlos in einen perfekten Popsong über, der sich ohne Anbiederung sofort im Ohr festsetzt. Schon damals trug Michael Stipe mit seiner außergewöhnlichen Stimme die Songs und zog dabei nuschelnd die Vokale lang. „Murmur“ introduzierte R.E.M. gleich zu Beginn ihrer Karriere als Band mit riesigem Potential, erreichte Goldstatus in den USA und schürte die Erwartungen.

Diese wurden mit dem Nachfolgewerk „Reckoning“ mehr als erfüllt. Der Sound war noch eine Spur reifer als auf dem Debüt, die Songs sich nicht zu schade, auch schlicht und einfach Pophymnen zu sein („(Don‘t Go Back To) Rockville“), die jedoch alles andere als plump wirkten. Gerade „Rockville“ zeigt, wie einfach es R.E.M. zu der Zeit fiel, große Songs zu schreiben. An und für sich ein sehr konkreter Song über ein Mädchen, das nicht zurück in ihre Heimatstadt ziehen sollte, konnten sich viele Fans mit diesem Song identifizieren, mit dem Gefühl, nicht zurückschauen zu wollen. Der Ort „Rockville“ wurde so zu einer Utopie, in den jeder seine Wünsche und Hoffnungen projizieren konnte. Auch dieses Album erreichte nicht nur die Hörer, sondern erneut Gold-Status in den USA. Und was für eine aufregende Live-Band R.E.M. bereits zu der Zeit waren, beweist die Bonus-Disc, auf der wie bei „Murmur“ ebenfalls ein Live-Konzert enthalten ist.

Für das dritte Album „Fables Of The Reconstruction“ zogen R.E.M. nach London und nahmen sich mit Joe Boyd einen neuen Produzenten. Songs wie „Feeling Gravity‘s Pull“ oder „Old Man Kensey“ überraschten dabei durch einen düsteren, mit Streichern unterlegten Sound. Die Gitarre spielte simple aber bedrohlich wirkende Figuren, die tief im amerikanischen Alternative Rock verwurzelt waren. Doch auf der anderen Seite entdeckten R.E.M in „Can‘t Get There From Here“ den Funk für sich, eröffnet Stipe den Song mit einem ekstatischen Juchzer. „Green Grow The Rushes“ mit seinen regennassen Gitarrenläufen ist purste Sixties-Nostalgie, wie sie selbst The Byrds nicht besser hinbekommen hätten. Trotz allem vemissten einige Kritiker und Fans die Unbekümmertheit der ersten beiden Alben, was dazu führte, dass „Fables Of The Reconstruction“ nicht ebenso sehr geliebt wurde wie seine beiden Vorgänger. Die auf der Bonus-Disc beigefügten Demo-Versionen der Songs unterscheiden sich nur marginal von den Albenversionen. Nur Stipes Stimme klingt dumpfer und weiter entfernt, was den Demoversionen am Ende ein wenig die Faszination raubt.

Doch zurück zur Silberhochzeit, wo R.E.M., wären sie ein Ehepaar, bei diesen Erinnerungen wieder ins Schwelgen geraten, so wie alle anderen im Raum Anwesenden, inklusive des Rezensenten. Auch diese Feier wird einmal zu Ende gehen. Doch gut zu wissen, dass die Party nächstes Jahr zum Jubiläum von „Life‘s Rich Pageant“ höchstwahrscheinlich weitergehen wird.


 

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