Interpret:
Quasi
Plattentitel:
American Gong
Label:
Domino / Indigo
VÖ:
26.02.2010
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 22.02.2010
Der „American Gong“ läutet bei der Portlander Band Quasi mittlerweile die 8. Runde ein. Eine stolze Diskografie, die sich relativiert, wenn man bedenkt, dass sie seit fast zwei Jahrzehnten zu den Schrittmachern der amerikanischen Independent-Szene zählen. Doch haben wir es hier nicht mit rüstigen Mittvierzigern zu tun, die es auf die alten Tage noch mal wissen wollen, sondern mit faltenfreien, inspirierten Musikern, die schon gerockt haben, als unsereins gerade mal seinen ersten Buntstift in der Hand hielt. Angenehmes Chaos und sittenfester Riot begleiten die 10 Songs von „American Gong“. Schon der Opener „Repulsion“ sticht mit seinem Sonic Youth-ähnlichen Riff in die Pickel der zukunftslosen Jugend, die mit originärem Indie-Pop wenig anfangen kann: bratende Gitarren, wilder Synthiekrach und ein herrlich dreckig schepperndes Schlagzeug. Für letzteres ist Janet Weiss verantwortlich, die nach 13 Jahren aus dem Duo Quasi ein Trio machte. Seit 2006 knüppelt die ehemalige Sleater-Kinney Drummerin auf ihre Schießbude ein wie ein wütender alter Mann. Bei „Little White Horse“ schlägt das Herz eines jeden höher, der ´77 in New York angefangen hat, Punk zu werden.
Die Band stört sich verhältnismäßig wenig daran, aus dem starren Korsett des modernen Pop-Songwritings herauszutreten. Wie schon ihr Mitbürger aus Portland, Stephen Malkmus, in dessen Band The Jicks die Quasi Bassistin Joanna Bolme und Schlagzeugerin Janet Weiss mitspielen, nehmen sie sich, was sie von der langen amerikanischen Musiktradition kriegen können. Sie streuen es in kleinen Portionen in ihre noisigen Songs und schaffen gut herausgearbeitete Kompositionen, wie die wunderbare Folk-Nummer „The Jig Is Up“, das sechseinhalb Minuten lange Grunge-Pop-Noise-Gebilde „Bye, Bye, Blackbird“ oder das wehmütige Lamento „Laissez Les Bon Temps Rouler“, wo Keyboarder und Gitarrist Sam Coome, der bereits für Elliott Smith Bass und Backing Vocals beisteuerte, das ganze Farbspektrum seiner Stimme offen legt. Auch beim Track „Rockabilly Party“ könnte man das Trio aus Portland für eine ur-texanische Countrykapelle halten, wäre da nicht das beißende, dekonstruktive Gitarrensolo, das den Hörer den vorbeirollenden Strohballen konsterniert vergessen lässt und auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Es ist eben ein Anti-Folk Album, das nicht zulässt, vorhersehbar zu sein.
Trotz tiefem Schmutz haftet an „American Gong“ eine wunderbare Reinheit, die diese Platte zu einer kleinen Herausforderung macht. Diesen Widerspruch lässt man gerne stehen und das Taumeln zwischen Optimismus und Verzweiflung bleibt unaufgelöst. Nach einer ausgedehnten US-Tour findet Ende Mai dieses Jahres ein kleines Familientreffen aus Portland in Berlin statt: Quasi eröffnet für Pavement.
MP3/Stream: „Laissez Les Bon Temps Rouler“