Interpret:
PS I Love You
Plattentitel:
Meet Me At The Muster Station
Label:
Paper Bag Records / Rough Trade
VÖ:
13.05.2011
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 11.05.2011
Was für ein Bandname! Wer da nicht in Entzückung gerät, ist wirklich selber schuld. Zwar gebe ich zu, dass man zwangsläufig an einen kitschigen Roman beziehungsweise an eine noch schlimmere Verfilmung denken muss. Die Beatles sind natürlich auch nicht fern. Aber ist diese kleine Aussage, für sich genommen, nicht wunderschön? Ist das nicht der kleine, dezente Hinweis, unter einem Schreiben, den man sich manchmal so sehr erhofft? Sind das nicht die alles sagenden Worte? Ich, für meinen Teil, labe mich an diesen Worten, an diesem Bandnamen. Er ist die ultimative Aussage, wenn man es selber nicht gebacken bekommt, diese entscheidenden Worte über die Lippen zu bekommen. Man stelle sich dabei folgende Situation vor: Das Mixtape für den/die Angebete/n ist fertig, es fehlt aber noch ein Song oder der augenzwinkernde Hinweis, wie dieses Tape zu verstehen ist. Die Lösung ist so einfach wie offensichtlich. Um die Musik für sich sprechen zu lassen, muss der letzte Song einer von eben jener Band sein. Kein Wort muss mehr gesagt werden, die Aussage ist perfekt. Das Tape zu Ende und alles was nur noch im Raum steht, ist: PS I Love You. Genial.
Und dabei wird einem erst recht auch die Musik dieses kongenialen Duos aus Kingston, Ontario umhauen, wie es auch schon Japandroids, No Age und Wavves gemacht haben. Gitarre, Schlagzeug, Gesang und ganz wenig Keys. Mehr braucht es wirklich nicht, um fantastisch eingängigen Indie-Rock mit den ganz großen Gesten zu machen. Dabei war PS I Love You in seinen Anfängen sogar nur eine Ein-Mann-Band. Sänger und Multiinstrumentalist Paul Saulnier, der sich im Vorfeld schon in etlichen Stilen und Bands ausgetobt hat, schießt jetzt mit seinem Partner Benjamin Nelson am Schlagzeug den Lo-Fi-Indie-Rock-Vogel ab. Vielleicht nicht unbedingt innovativ, aber voller geradlinigem Sturm und voller Drang.
Zumindest bei uns heißt es „jetzt“, denn das Zehn-Song-Konzept „Meet Me At The Muster Station“ ist schon fast ein Jahr alt und hat in seiner Heimat, den USA und der Internet-Szene gehörig für Furore gesorgt. Auch die Singles („Starfield“ und die gemeinsame Split 7-Inch mit Diamond Rings, „Facelove / All Yr Songs“) und ihre EP waren kleine Highlights, die nicht so schnell von den iPods runter wollten. Auch auf ihrem Album-Debüt machen sie mit ihren krachenden und knackigen Songs weiter, die energisch getrieben auf den Verzerrungen der E-Gitarre, dem dynamischen stampfenden Schlagzeug und Saulniers herrlich schräger Stimme ganz viel Leben atmen. Das Konzept zum Album erschließt sich einem dann aus der Betitelung der Songs. Wo das Album mit „Meet Me At The Muster Station“ beginnt, endet es nämlich mit „Meet Me At The Muster Station (Pt. 2)“. Und es wird ein fulminantes Ende. Vielleicht sogar eines der besten, das ich je gehört habe.
Nachdem das in gewisser Weise trockene und dank Saulniers Stimme weinerlich-flehende „Meet Me At The Muster Station“ verklungen ist, dröhnt die Verzerrung von „Breadends“ umso gewaltiger. Das Schlagzeug gibt Gas und Saulnier bricht aus sich heraus. Druck, Energie und eine ständig ins Ich zusammenfallende, zittrige Stimme. Das zeichnet PS I Love You im besonderen Maß aus. Doch haben sie auch ein sehr feines Gespür für poppige Melodien, die sie jedoch immer hinter einer Wand aus rumpelndem Schlagzeug, Reverb, Drone und auf den Höhen und Mitten dominierten Gitarren-Klang verstecken („2012“ oder „Little Spoon“). Zusätzlich vermengen sie alles mit einer gehörigen Portion Schrägheit, die mal nach vorne peitschen und wie in „Butterflies & Boners“ oder im berauschten „Scattered“ auch mal an Clap Your Hands Say Yeah erinnern kann. Besonders die Gesangseinlagen tun da ihr Übriges.
Mit „2012“ und „Facelove“ haben die beiden sogar richtige Hits, die in all der gehetzten Kürze des Albums nicht untergehen. Aber auch „Get Over“ heizt ordentlich ein. Die Gitarren krachen zum gepeitschten Schlagzeug und es wird ein winziger Hauch von Bloc Party freigesetzt. PS I Love You klingen weder wie ein Duo, noch sind sie eine Spaßgesellschaft. Denn „Meet Me At The Muster Station“ haftet immer ein Moment introvertierter Verzweiflung an, die sich in den verbissenen Lyrics und den verkrampften E-Gitarren-Riffs ihren Weg bahnt. Auch wenn sie kräftig, ja schon fast rotzig, ihre Songs spielen, scheint es, als würde alles im letzten Stück in sich zusammenbrechen. Das erwähnte „Meet Me At The Muster Station (Pt. 2)“ ist eben der hymnenhafte, zum Himmel gespielte Abschluss, der so langsam taumelnd auf der schmetternd-hohen Gitarre beginnt und sich zum Ende ohne große Änderungen wie ein gewaltiges Klangband aus Schmerzlichkeiten aufbläht und wieder zerfällt. Ein strahlender Abschluss, in dem Saulniers kaputte Stimme von den Rückkopplungen, dem schrabbelig-breiigen Klang und dem stampfenden Schlagzeug über Wasser gehalten wird. Ich weiß jedenfalls, welche Band mein nächstes, wichtiges Mixtape abschließen wird. Ergreifender Jungs-Indie mit dem Hang zum Verqueren.
Video: „Facelove“
PS I Love You - Facelove from Colin Medley on Vimeo.
Video: „Get Over“
PS I LOVE YOU - Get Over [OFFICIAL VIDEO] from Paper Bag Records on Vimeo.