Interpret:
Paucker
Plattentitel:
Miserable Junkie
Label:
Monohausen / Groove Attack
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
5.0 von 10
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 07.03.2010
Als sich Ende der 90er Jahre Matt Bellamy mit dem provokanten Vorwurf konfrontiert sah, doch sehr nach seinem Landsmann Thom Yorke zu klingen, parierte der Muse-Sänger den Angriff in dem kleinen, aber erhabenen Statement, er fühle sich geehrt, er möge Radiohead. Wenn dem gebürtigen Stuttgarter Michael Paucker nachgesagt wird, mit 9 Jahren bereits alle Beatles-Songs auswendig zu können, erklärt sich Einiges an seinem Debüt-Album „Miserable Junkie“ von selbst. Kann man es einem Künstler verdenken, die beste Band der Welt zu seinem kompositorischen Vorbild zu nehmen? Nein. Kann so eine Platte unter Umständen in die Hose gehen? Ja.
Doch so streng wollen wir zunächst nicht sein. Der Multiinstrumentalist Paucker ist in der Tat ein hervorragender Musiker und in der deutschen Musikszene nicht Niemand. Seine Fähigkeiten als souliger Basser, solider Gitarrist und Synthie-Frickler stellte er auf drei Alben seiner Indie-Jazz-Formation Triband zur Verfügung; nebenbei spielt er noch Bass und liefert Backgroundgesang für Thomas D, Joy Denalane und, ja, auch Laith Al-Deen. Jetzt kommst du.
Die Platte beginnt etwas slackerhaft müde und dümpelt tatsächlich fünf Minuten lang vor sich hin, bis schließlich mit „Corny Song“ ein erstes Tribute an die Jungs aus Liverpool folgt. More to come. Das selbst betitelte „schmalzige Lied“ klingt wie eine akribische Blindkopie einiger mid-tempo Stücke zur Zeiten der „Help!“ und „Rubber Soul“ – von der Haltung, der Melodieführung, der zweifellos reinen Zweistimmigkeit bis hin zum Ringo Starr-Rümpelschlagzeug. Paucker hat seine Sozialisation durch die Beatles internalisiert. Beim up-tempo „No No No“, dem durchaus ein solider Beat-Verve anhaftet, macht Paucker so richtig schön den Lennon. So langsam scheint ihm auch selbst der Einfluss der Fab Four aufgefallen zu sein, denn mit „God Has Gone On Holiday“ bekommt die Platte so langsam ihre Individualität. Ein erdiger Mucker-Beat und eine astreine Bassline lassen den Schwaben wie die Yardbirds, nur 30 Jahre später, klingen.
Während die kurze, triefende Gitarren-Frickel-Übung „That's Why“ aus den Boxen sudelt, überkommt einen das Gefühl, unter einer schattigen Eiche fettfreie Margarine auf ein herzhaftes Landbrot schmieren zu wollen. Im Hintergrund weint eine hübsche Studentin am Telefon, während ihr Freund vor der Haustür mit einer Packung Pralinen steht. Hoppla! 1:04 Minuten schon vorbei? Schade, schöner Traum. Der bereits zum Download angebotene Track „I Will Pay The Breakfast“ klüngelt poppig durch das unaufgeräumte Wohnzimmer, und reißt mit seiner an Richard Swift erinnerten Neo-Blueshaftigkeit einen aus den Träumereien. Mit dem folgenden „Not A Nightmare“ scheint „Miserable Junkie“ einen überraschenden Gastauftritt anzubieten: kein geringerer als Beck Hansen groovt hier zwischen die etwas trägen Stücke und rüttelt somit den Schlafzimmerblick, der die gesamte Platte charakterisiert, in ein gutes Licht.
Aber halt! Covert Beck nicht zur Zeit in seinem Studio mit Feist, Jamie Lidell und Co. täglich einen neuen Meilenstein der Pophistorie? Stimmt. Also muss es doch wieder Michael Paucker sein. Schade. Da hilft trotz beispielloser musikalischer Kompetenz sogar das Namedropping durch Thomas D nicht, denn für die von ihm beworbene „Hammerscheibe“ fehlt der lange Atem, die Individualität, die Innovation, die Farbe. Dass diese Leerstellen noch in den nachfolgenden Alben von Paucker gefüllt werden, davon kann man überzeugt sein.
Stream: „Not A Nightmare“