Interpret:
Paolo Nutini
Plattentitel:
Sunny Side Up
Label:
Atlantic / Warner
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.5 von 10
Autor:
Matthias Dersch
Essen, 16.06.2009
Wenn man bereits mit 22 Jahren die Bühne mit den Rolling Stones, Quincy Jones, Herbie Hancock und Ben E. King auf der Bühne stand, muss man in seinem Leben irgendetwas richtig gemacht und zusätzlich eine gehörige Portion Glück für sich gepachtet haben. Zumindest in Bezug auf Paolo Nutini, den italienischstämmingen Wahllondoner, trifft diese Behauptung zu 100 Prozent zu.
Mit 16 brach er die Schule ab, um als Roadie und Studio-Assistent zu arbeiten - und beschritt damit wohl nicht gerade die Art von Karriereleiter, die seine Eltern für den Lockenkopf im Sinn hatten. Über verschlugene Pfade landete Nutini schließlich in London und traf dort auf die Plattenfirmen-Legende Ahmet Ertegun, den Gründer von Atlantic Records.
Der Förderer von Led Zeppelin, Crosby, Stills, Nash & Young und der Rolling Stones war angetan von der eigentümlichen, so überhaupt nicht zu einem 18-jährigen Jungen passenden Stimme Nutinis und verpflichtete ihm vom Fleck weg. Es folgte das Debüt "These Streets", das sich über zwei Millionen Male verkaufte und dem jungen Musiker zum Durchbruch verhalf.
Mittlerweile ist Ertegun verstorben - und aus dem kleinen Jungen ein selbstbewusster Künstler geworden. Denn das Etikett "Songwriter", das Nutini anhaftet und ihn in eine Ecke mit Jack Johnson und Konsorten drängt, wird ihm längst nicht mehr gerecht. Denn was Johnson fehlt, hat Nutini: Den Mut, neue Wege zu gehen.
"Sunny Side Up", das erste mit der Band The Vipers eingespielte Album Nutinis, ist ein wilder Mix verschiedenster Stile und wirkt, wie aus der Zeit gefallen. Die Songs bedienen sich bei Folk, Reagge, Ragtime, Soul, Pop und Country und klingen so gar nicht wie Produktionen aus dem Jahr 2009.
Bereits die Vorab-Single "Candy" deutete diese Richtung an, dennoch ist der Song mit seinen akustischen Gitarren einer der konventionelleren auf "Sunny Side Up". Der Rest, von "10/10" über "Pencil Full Of Load" bis schweren Schluss "Keep Rolling", gleicht einem musikalischen Kuriositätenkabinett.
Es verwundert nicht, dass einige Mitglieder der Vipers den vorzeitigen Ausstieg wählten, weil sie an der Kommerzialität des Endprodukts zweifelten. Nutini ließ sie ziehen und zog sein Ding durch. Ob es wieder zu zwei Millionen Plattenverkäufen führt? Who cares? Nutini anscheinend nicht - zum Glück, denn mit "Sunny Side Up" etabliert er sich vielleicht nicht in der Superstar-Klasse, gewinnt dafür aber deutlich an Profil. Zwar ist nicht jeder Song ein Treffer, man weiß jetzt aber zumindest: Hinhören lohnt sich. Der Mann kann mehr als Popballaden.