DETAILS

Interpret:
Owen Pallett

Plattentitel:
Heartland

Label:
Domino / Indigo

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
8.0 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 25.01.2010

PLATTENKISTE

Owen Pallett - Heartland

Owen Pallett - Heartland

Owen Pallett ist der Typ von Musiker, für den man als Kritiker eigentlich nicht damit hausieren muss, für welche noch so tollen Interpreten er schon alles gearbeitet hat. Die Musik des noch bis vor Kurzem unter dem Namen Final Fantasy bekannten Kanadiers spricht einfach für sich. Gewaltig, verspielt, träumerisch und experimentell zugleich sind seine Kompositionen. Er hat mit seinen bisherigen zwei Veröffentlichungen die Hörer verzaubert und gleichzeitig gefordert, dass ihm schon jetzt ein ganz besonderer Status als sogenannter „Ausnahmemusiker“ zugeschrieben werden kann. Mehr muss man eigentlich nicht erwähnen. Dennoch, die Liste der Interpreten lässt sich so zuckersüß lesen, dass sie hier einfach erwähnt werden muss: Arcade Fire, Grizzly Bear, Beirut, The Mountain Goats, Pet Shop Boys oder The Last Shadow Puppets verdanken ihm das ein oder andere Orchester-Arrangement auf ihren vergangenen Alben.

Für sein drittes Album, „Heartland“, greift der Arrangeur Pallett, der sich jetzt so nennt, da es eine kleine rechtliche Auseinandersetzung mit einem japanischen Spieleentwickler gegeben hat, auf seinen Kontaktekatalog zurück. Das Ergebnis lässt sich mindestens genauso gut lesen wie die Liste eben genannter Interpreten. Pallett arbeitete für den aus zwölf Songs bestehenden Zyklus mit den tschechischen Philharmonikern sowie Jeremy Gara (Arcade Fire) zusammen, nahm im Greenhouse Studio in Reykjavík auf, wo auch schon Björk und Bonnie 'Prince' Billy zu Gast waren und setzte Rusty Santos als Mischer ein, der schon für Panda Bear die Regler bediente.

Eine wilde Mischung aus all den Interpreten oder Studio-Gehilfen ist „Heartland“ dann aber zum Glück nicht geworden. Owen Pallett ist dafür in jeglicher Hinsicht viel zu eigen. Sein Facettenreichtum als moderner Indie-Komponist scheint in einer nicht enden wollenden Ideenflut schier unerschöpflich. Trotzdem gelingt es ihm aber immer wieder, seine Alben mit dem berühmten Roten Faden zu versehen. Diesen musikalischen Guss durfte man besonders schon auf dem barock angehauchtem „He Poos Clouds“ bestaunen. Auf „Heartlands“ verschmilzt er klassische Kompositionen mit elektronischen Arrangements, wie er selbst sagt. Und in der Tat, die Streicher- und Bläser-Fraktionen klingen wie durch den Sequenzer-Fleischwolf gedreht und wurden mit poppigen Momenten versehen. Da ist es kaum verwunderlich, dass das so dramatisch beginnede „The Great Elswhere“ in seiner letzten Minute so lebenidg-atmend wie Moby's „God Moving Over The Face Of The Waters“ klingt.

„Heartland“ wird auch nicht umsonst als Zyklus bezeichnet, denn das Bindeglied der zwöf Songs ist nicht nur das harmonische Klangbild, sondern auch die Geschichte, die Pallett mit den Songs verbidnet. Im fiktiven Land „Spectrum“, erleben wir die drastisch inszenierte Geschichte des Farmers Lewis und seiner Liebesbeziehung von Anfang bis Ende. Eine zerstöreriche Zeichnung eines so hoffnungsvoll betitelten „Heartlands“, die sich doch durch erhellende Momente loslösen und frei umherschweben kann. Doch zunächst muss Lewis in den „Midnight Directives“ alles hinter sich lassen: Familie und Land, um den Verpflichtungen seines Herren gegenüber gerecht zu werden. Diesem nervös-rhythmischen Auftakt wird dann noch das heimliche „Keep The Dog Quiet“ mit auf den Weg gegeben. Der filmreife Spannungsbogen, den alleine die ersten drei Songs zeichnen, ist schon fast überwältigend. Doch dann wendet sich das Blatt. Die Gehetztheit verschwindet mit der „Red Sun No. 5“ im Rücken. Und die wärmend-schwelgenden Klänge dieses Songs führen zum beschwingt durch Wälder und Länder marschierenden „Lewis Takes Action“.

„The Great Elswhere“ leitet den nächsten Bruch der Erzählung ein, denn mit „Oh Heartland, Up Yours!“ beginnt sich eine Art Trübsal durch schwerfällige Bläser und Palletts gebeutelter Stimme breit zu machen. Doch mit „Lewis Takes Off His Shirt“ will man es zu den federleichten Pop-Klängen Lewis gleich machen, auch wenn es in den Lyrics heißt „I never gonna give it to you“. Selbst ein so poetischer Titel wie „Tryst With Mephistopheles“ fällt bei diesem Klang- und Stroy-Mosaik ganz anders als erwartet aus, als es zuvor noch mit dem nach Zweifeln klingenden „E Is For Estranged“ der Fall war. Statt böswilliger Streicher-Arrangements („Flare Gun“) wird Lewis wohl durch Mephisto persönlich mit Alkohol gefügig gemacht. Die Welt scheint nach einigen Grausamkeiten und Verwirrtheiten so kurz vor dem Ende viel poppiger. Die säuselnden Holzbläser und Streicher zum hüpfenden Rhythmus und Palletts honighafte Stimme unterstreichen das Bild nur. Schließlich, so singt Pallett, wird „Everything [...] allright“. Ich warte derweil auf die erste Thetaer-Inszinierung dieser verstörend-schönen und schwerwiegenden Musiklandschaften.

„Heartland" via Soundcloud hören:

Owen Pallett - Heartland by DominoRecordCo


 

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