Interpret:
Okkervil River
Plattentitel:
The Stand Ins
Label:
Jagjaguwar / Cargo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 15.09.2008
Nachdem Okkervil River ihr Meisterwerk „Black Sheep Boy“ mit dem „Appendix“ versehen hatten, brachten sie damit wohl einen Stein ins Rollen, denn auch zum 2007 veröffentlichen Album, „The Stage Names“ folgt jetzt darauf so etwas wie eine Zugabe. Allerdings ist „The Stand Ins“ kein Anhang in Form von ergänzenden Worten zu einem behandelten Großthema. Mit diesem Album wollen die Texaner um Will Sheff das anfänglich Gedachte zu „The Stage Names“ zu einem Ende führen.
Eigentlich sollte der Vorgänger von Anfang an als Doppel-Album erscheinen, nur statt gleich alles in die für Okkervil River ohnehin übergroß geratene Waagschale zu werfen, wäre auch für sie ein unkalkulierbares Risiko. Kalkulation beschreibt diese Entscheidung, aus einem Doppel-Album gleich zwei Alben zu machen, die sich aber aufeinander beziehen, wohl am allerbesten. Auch Okkervil River können sich nicht ganz von wirtschaftlichen Interessen loseisen. Nur ist gegen dieses Vorgehen nichts einzuwenden, wenn wie mit „The Stand Ins“ ein solch ergreifendes Sequel vorgelegt wird, das die auf „The Stage Names“ aufgegriffenen Themen weiter vertieft und sich stellenweise hoffungslos dem eigenen Sturz hinzugeben scheint. Nur eine Hand wird wie von der skeletthaften Figur auf dem Cover nach Hilfe tastend nach oben gereckt.
„Die Realität kann eine bittere Erfahrung sein. Jeder noch so schöne und noch so lange Traum endet irgendwann, jeder Rausch landet früher oder später auf dem dreckigen Boden der Tatsachen“, schrieb vor einem Jahr mein Kollege Benjamin Adler, als er seine Rezension zu „The Stage Names“ verfasste. Angekommen in der Realität genießen wir jetzt einen Blick hinter die Fassade von all den Trugbildern der Realitäten denen Okkervil River begegnen. Trotz Will Sheffs einzigartigem Gefühl für poetische Song-Texte gibt er sich im Gegensatz zum Vorgänger auf „The Stand Ins“ wieder deutlicher abstrakter, beschreibt weniger die Szenarien an sich und geht vielmehr im dahinter stehenden Gefühl auf. Somit wird dieses Album auf textlicher Ebene nicht wirklich zugänglicher. Man wird seine Probleme haben, der besungenen Ironie in Verbindung mit den vielen peitschenden Rhythmen zu folgen, so dass man zuerst meint, alles sei in Ordnung. Was aber bei Okkervil River bekanntermaßen nicht wirklich der Fall ist.
Bricht man alle Schwelgereien zwischen Hoffnung und Schmerz sowie die tiefgehende Inbrunst der Songs auf „The Stand Ins“ auf bleibt schlussendlich ein Album übrig, das mit seinem Fundament unentwegt auf die Liebe zu rekurrieren scheint. Auch wenn das Cover etwas gänzlich anderes vermuten lässt, ist das sechste Album der von Schmerz und innerer Zerrissenheit gebeutelten Gentle-Indie-Rocker ein Aufruf, auf den eigenen Untergang einen zu heben, auf den Misserfolg zu tanzen und der Einsicht, dass sich am großen Theater namens Leben, ohnehin nichts ändern lässt. „They ask for more / What do you think this fanclub is for / … / They asked for blood / What do you think this woman´s made of“ singt Sheff in der mit kultivierten Bläsern versehenen Gala-Nummer „Starry Stairs“.
Alles auf „The Stand Ins“ scheint die große Farce des Lebens mit ironisch bitterem Geplänkel wieder auf den Boden der Tatsachen herunter zu ziehen. „No one to see on the quay / No one waving for me / Just the shoreline receding“ sind drei der ersten vier Textzeilen der vom Bass beheizten und einem flotten Beat versehenen Eröffnungsnummer „Lost Coastlines“. Dieses Duett, das Sheff gemeinsam mit jetzt Shearwaters Jonathan Meiburg singt, ist eine sich zu Bläsern und dem eigenen „La la la la la la“-Gesang verlierende erste Lobhymne auf die eigenen Verfehlungen. Es werden sogar Erinnerungen an eine vor wenigen Jahren verstorbene Two-Step-Größe wach. Johnny Cash scheint nicht nur hier und da in lyrischer Weise Vater von Sheff zu sein. Auch der Song „Singer Songwriter“ könnte mit seinem treibenden Gefühl aus Cashs Feder gekommen sein. Er ist neben den schon erwähnten Songs gemeinsam mit „Pop Lie“ und „Calling And Not Calling My Ex“ ein weiterer Song auf „The Stand Ins“, der eben lieber den pompösen Lobgesang auf den Untergang anstimmt, als sich in zurückgezogener Einsamkeit zu suhlen.
Dass aber neben den geheuchelten Feierlichkeiten auch auf „The Stand Ins“ Töne vertreten sind, die eher im eigenen Suff zu ertrinken scheinen, beweisen Okkervil River dann mit den Nummern „On Tour With Zykos“ und „Bruce Wayne Campbell Interviewed On The Roof Of The Chelsea Hotel, 1979“. „On Tour With Zykos“ wird fast nur durch das erwärmende Klavier und die behutsamen anderen Instrumente zusammen gehalten, während im Hintergrund die Wurlitzer erklingt. „Bruce Wayne…“ beginnt mit Sheffs geschundenem Gesang im Vordergrund, bevor sich der Song an zwei Stellen mit all seinem Instrumentarium erhebt und „The Stand Ins“ noch einmal die große Bühnenshow zelebriert.