Interpret:
Nada Surf
Plattentitel:
The Stars Are Indifferent To Astronomy
Label:
City Slang / Universal
VÖ:
27.01.2012
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 25.01.2012
Nach dem ersten Hören denkt man: Nada Surfs neue Platte „The Stars Are Indifferent To Astronomy“ zu hören ist so wie an einem Sommernachmittag mit den Jungs kicken zu gehen, sich montags nochmal im Bett rumzudrehen und blau zu machen oder mit dem brandneuen Kapuzenpulli auf eine Party zu gehen: immer noch ein cooles Gefühl, aber es kickt einfach nicht mehr so wie früher.
Vorzuwerfen ist das dem Trio um Sänger Matthew Caws nicht. Schließlich ist es der Hörer selbst, dessen Augen, Nase und Ohren schon zu arg strapaziert wurden, um der Welt noch so unbeschwert-naiv entgegenzutreten wie in der ach so fernen Jugend, als Hymnen wie „Popular“ der Jugend rund um den Erdball den Tag retten konnten. Mit der Platte „The Weight Is A Gift“ schafften Nada Surf es 2005 noch ein weiteres Mal, mit unsterblichen Melodien und Claims wie „Oh, fuck it – I’m gonna have a party!“ („Blankest Year“) den Soundtrack für hellblaue Sommertage und für graukalte Winterabende zu spielen. Sieben Jahre aber sind in der popmusikalischen Zählung eine halbe Ewigkeit, in der inzwischen bereits einige Popsternchen am Himmel aufgegangen und bereits wieder verglüht sind. Die drei Kalifornier haben in dieser Zeit mit „Lucky“ (2008) ein geschätztes Album veröffentlicht, das mit seiner vergleichsweise getragenen Melancholie eindeutig im Zeichen der Neufindung stand, und der Band ebenso wie das 2010 auf den Markt gebrachte Coveralbum „If I Had A Hi-Fi“ die Möglichkeit gab, sich auszuprobieren, auf der Selbstsuche Musik zu machen und auf das Ende der Stagnation – auf’s Erwachsenwerden? – zu warten.
Die dabei offenbar gewonnene Einsicht, dass der Mensch nie endgültig an einem Ziel ankommt und die Akzeptanz des ewigen Geworfenseins in den Wartesaal des Lebens formen Nada Surf auf ihrem nunmehr siebten Studioalbum „The Stars Are Indifferent To Astronomy“ in zehn Songs, die nach dem ersten Hören zunehmend wachsen – und den Weg in ein neues Lebensalter in der Band-Biographie weisen. „Waiting For Something“ ist denn auch ein zentrales Stück. Wie die ganze Platte ist es schnell, direkt, knackig und knüpft mit der Unmittelbarkeit der Songstrukturen und Caws‘ unverwechselbarem Gesang an die Anfänge der Band an. In die Leichtigkeit hat sich ein wenig Schwermut eingeschlichen. Titel wie „When I Was Young“ und „Teenage Dreams“ kreisen um die Zeit, um Träume und ihre Erfüllung, um Jugend und ihre Vergänglichkeit. Nada Surf schaffen einmal mehr unfassbar schöne Momente mit den einfachen Mitteln der Rockmusik, wie etwa den Break zur Hälfte von „When I Was Young“, der die Leichtigkeit in der Schwere perfekt zur Geltung bringt. In jedem weiteren der zehn Songs ließen sich solche herzerweichenden Momente festmachen, derentwegen man die Platte nach kurzer Zeit auf Heavy Rotation laufen hat. Zum Glück muss an dieser Stelle kein Anspieltip gemacht werden, denn man hört sie sich am besten am Stück an. Heraus sticht trotzdem „No Snow On The Mountain“. Die Frage „How many dreams do we hold on to?/ You’ve had so many and have left so few” wird mit getragener Melancholie und Naturmetaphorik gespiegelt, dann setzen zur Hälfte des Songs aber treibende Gitarrenriffs an, mit denen Nada Surf den Hörer auf eine Welle der Euphorie mitnehmen und nebenbei sehr klar machen, dass das Leben für sie nicht vorbei ist, auch wenn sie keine 20 mehr sind.
Das, was nach dem ersten Hören noch schwer wirkte, wird mit der Zeit zu einem nicht mehr wegzudenkenden Begleiter bei nächtlichen Stadtspaziergängen und morgendlichen Fahrradfahrten: „All I feel is transition wind till we get home“, so heißt es im Opener „Clear Eye Clouded Mind“.
„The Stars Are Indifferent To Astronomy“ steht zwar für das Weichen des Gefühls, es stünde einem die Welt offen. Aber gleichzeitig kann das auch ein Ankommen im Hier und Heute bedeuten, das einem sentimentalen Rückblick nicht im Wege stehen mag. So wie es sich für Musiker gehört, gießen Nada Surf dieses Sentiment zu Songs. Die Band ist erwachsen geworden zusammen mit den Jungs, deren größte sonntägliche Sorge 1996 beim Erscheinen von „Popular“ noch das Gelingen des nächsten 360-Flips war und die jetzt mit dem Nachwuchs im Tragesack zum Skatepark schlendern, um dort im Schatten der vertrauten Geräusche zu picknicken. Die Zeit vergeht. An Begleitern wie Nada Surf sieht man sich selbst altern. Dass diese Band das mit Originalität und Herzenswärme schafft, sollte tröstlich sein. Und kicken tut die neue Platte schließlich ganz gewaltig. Anders als früher. Aber nicht schlechter.