Interpret:
Mr. Oizo
Plattentitel:
Lambs Anger
Label:
Ed Banger / Alive
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Tobias Gnädig
Köln, 01.12.2008
Mr. Oizo alias Quentin Dupieux ist so etwas wie der alte, kettenrauchende und garstige Onkel in der Familie Ed Banger, der seine fünf Minuten Ruhm vor langer Zeit genossen hat und heute mit jeder Menge selbstironischem Abstand sein (ehemaliges) One-Hit-Wonder-Dasein auf die Schippe nimmt. Flat Eric bekommt sein gelb behaartes Fett dann auch gleich auf dem an eine Film-Szene aus „Ein andalusischer Hund“ angelehnten Cover von „Lambs Anger“ weg.
Nur knapp die Hälfte der 17 Songs des Albums überschreitet die Zweiminutengrenze deutlich. Der Großteil wirkt wie unvollendete Skizzen, die nur andeuten, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Eine Stimme aus dem Off warnt schon im Opener „Hun“ vor überzogenen Hit-Erwartungen: „You’re about to hear a collection of recorded stuff. Some are good, some are bad, some are just okay.“ Ist „Lambs Anger“ am Ende also nur lieblos zusammengeflickte Überschussware? Keineswegs, es besitzt vielmehr den Charakter eines Mixtapes. Und wer einmal einem der rasanten DJ-Sets von Monsieur Dupieux beiwohnen konnte, die Parforceritte sind, bei denen Songs im Minutentakt wechseln, wird „Lambs Anger“ nur als ihre logische Entsprechung empfinden.
„Z“ ist der erste Song, der aus diesem Meer an Songskizzen heraussticht und ein so sperriger Klumpen Elektro, dass man dazu gar nicht erst tanzen, sondern unkontrolliert epileptisch abspacken möchte. „Two Takes It“ ist der Hit der Platte, der sich die Radiotauglichkeit allerdings durch Carmen Castros rollenvertauschte Sexlyrics selbst raubt („I wanna cum right now / in your face / let me show you how“). In die gleiche Kerbe schlägt Uffie auf ihrem Featuretrack „Stereoids“ („My load is pretty heavy / but you swallow cause you think I’m cute“), der musikalisch zwar für weniger Aufsehen sorgen kann, aber nichtsdestotrotz Lust macht auf das von Mr. Oizo co-produzierte anstehende Uffie-Album.
„Bruce Willis Is Dead“ ist straighter 90er-Techno mitsamt Sirenensound, „Jo“ ein zutiefst entspanntes Seventies-Discofunk-Stück, „Positif“ harter Acid-House-Stoff. Der Titelsong, eingeleitet von der Info „This audio was recorded by Flat Eric“ ist unhörbarer Störgeräusch-Krach und ein weiterer verschmitzter Gruß an die Charts aus weiter Ferne. „Gay Dentists“ und „Pourriture 7“ sind im Albumkontext nahezu konventionell. „W“ greift das musikalische Thema von „Z“ wieder auf, verzerrt und verfremdet es bis zum Maximum. Das krude Interlude „Lars Von Sen“ leitet über zum finalen „Blind Concerto“, dass mit seinen ekligen Orgelsounds im Mittelteil wie der Remix eines alten Horrorfilm-Soundtracks daherkommt.
„Lambs Anger“ gibt der Ed-Banger-Posse eine gehörige Portion Biss zurück, der den Label-Veröffentlichungen zuletzt häufig abging. Für Mr. Oizo selbst bedeutet es einen großen Schritt in Richtung Narrenfreiheit und Legendenstatus, denn so ein forderndes, anstrengendes und selbstbewusstes Album kann sich wahrlich nicht jeder erlauben. Mehr davon, bitte.