Interpret:
M.I.A.
Plattentitel:
/\/\/\Y/\
Label:
XL / Beggars / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 12.07.2010
Sie ist zur Zeit das Enfant Terrible des Pops. Fällt ihr Name, sind Assoziationen mit Aufstand, Widerstand und gehöriges gegen den Wind Pissen nicht weit. Mathangi „Maya“ Arulpragasmas alias M.I.A. hat eher durch mehr oder weniger große Skandale auf sich aufmerksam gemacht als mit ihrer Musik. Da sind ihr gegenüber verweigerte Einreisen in die USA, Auseinandersetzungen mit der Regierung Sri Lankas, Aufrufe gegen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, die Ablehnung des Kapitalismus und korrupter Systeme und ein heftiges Video zu einer neuen Single („Born Free“). Nicht zu vergessen die getwitterte Telefonnummer einer Journalistin der New York Times, weil diese in ihrem Artikel und während des Interviews so einiges falsch verstanden haben soll, was die Person M.I.A. betrifft.
Das Stilisieren zur Poprevolutionärin hat sie jedenfalls gut verinnerlicht und stößt somit nicht selten an. Sehr verwunderlich ist da aber zum einen ihre Ehe mit Ben Brewer, dem Sohn des Spiritiuosenmoguls Edgar Bronfman, und der unentwegte Gebrauch von Twitter und co., um auf sich und ihre Musik aufmerksam zu machen. Die schöne neue Welt, die sie so gerne zynisch und doch so naiv ablehnt, hat also doch viel mehr für sie zu bieten, als ihr lieb ist. Da ist es also an der Zeit, mal wieder einige Dinge gerade zu rücken, sich zu positionieren und die Kunstfigur M.I.A. zu rechtfertigen.
Nachdem sie ihre ersten beiden Alben nach den Kosenamen ihrer Eltern benannte, ist nun sie selber an der Reihe. Mit ihrem zwöft Tracks umfassenden Werk „/\/\/\Y/\“ („Maya“), legt sie ein Album vor, dessen Texte den Eindruck erwecken, als wäre sie hier auf einer selbstgerechten Tour der Selbstdarstellung unterwegs. Alleine mit ihrer ersten Single „XXXO“ sind diese Bestrebungen deutlich zu hören. Zum eingängigen Song, der für M.I.A.-Verhältnisse schon fast glattgeschliffen ist wie ein popkultureller Konsens, singt sie „You want me be somebody who I'm realy not“. Das ist nicht nur eine Kritik an jene Journalisten und Pressevertreter, sondern auch eine an ihre Fans, die sie gerne als aufständiges Pendant zum Lady-Gaga-Entwurf sehen. So prügelt sie sich zu den drückenden Tanzflächen-Beats und schillernden Synthesizern zu etwas mehr Verständnis. Doch verlässt M.I.A. den Pfad der Geradlinigkeit schnell wieder, um in gewohnter, verschrobener World-Pop-Art, die jenseits des HipHops, Dubs, Dancehalls und Punks in vielen Gewässern fischt, der Hörerschaft ihre Beats und Melodien um die Ohren zu hauen. Ihren Drang, den Mund aufzumachen, wenn ihr etwas nicht passt, legt sie dabei aber nicht ab. „You told me this is a free country / But now it feels like a chicken factory / … / But I fight the once that fight me“, singt sie im düster geratenen „Lovealot“, das hin und wieder zu schnellen und verstörenden Beats versucht auszubrechen.
In „Teqkilla“ pumpt sie sich zu den schrillen Synthesizern und abgehackten Rumplerhythmen ebenfalls in ihr altes Bild zurück. Und ähnlich wie in der Eröffnungsnummer ihres zweiten Albums „Kala“, wo sie in „Bamboo Banga“ die rasende Motorrad-Samples einsetzte, lässt sie in „Steppin Up“ Bohrmaschinen, Presslufthämmer und sonstiges Werkzeug als rhythmisches Kollagengeflecht zu tiefen, wabernden Bass-Drums und energischen E-Gitarren aufheulen. Und in „Story To Be Told“ sind es dann die Triebwerke von Düsenjets. Keine Samples von alltäglichen Gegebenheiten finden wir in „It Takes A Muscle“, dafür hat sie hier aber so etwas wie eine kleine Dancehall-Nummer kreiert, die sich ganz lässig karibisch anfühlt. Da stört selbst das sonst nervige Auto-Tune nicht. Es wird somit sehr deutlich, dass sie auch für dieses Album auf die Hilfe von Beat-Weltenwanderern wie Diplo, Alan Moulder und Rusko zurückgriff.
Auffällig ist jedoch, dass M.I.A. mit „/\/\/\Y/\“ eher weniger einen roten Faden verfolgt. Mal laut wie im heftigen Protest „Born Free“, das zu kratzigen E-Gitarren und tobendem Schlagzeug Anlauf nimmt, mal leise zu schon fast sanften Synthesizern in „It Iz What It Iz“ oder im träumerischen „Space“ präsentiert sie sich. Hat sie bei all dem Protest, politischem Aktionismus und dem Drang, immer anders zu sein, den Überblick verloren? Es scheint zumindest so. Das so heiß erwartete dritte Album der Ausnahme-Künstlerin bleibt ein gutes Stück hinter den Erwartungen zurück. Für den Titel „Album des Jahres“ reicht es damit nicht. Zu viel Experimentierfreude macht unter Strich doch viel mehr kaputt, als es donnernde Beats in „Meds And Feds“ wieder ausbügeln könnten. Auch das Cover ist eines der misratensten in diesem Jahr. „Tell Me Why“, M.I.A.! Und als hätte sie diese Frage erwartet hat sie die Antwort darauf in „It Takes A Muscle“ längst parat: „It takes a muscle to fall in love with me“.
Video: „Born Free“
M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.