Interpret:
MGMT
Plattentitel:
Congratulations
Label:
Columbia / Sony
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.5 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 19.04.2010
Glaubt man den Musikmagazinen und selbsternannten Musikexperten, so muss es sich bei „Congratulations“, dem zweiten Album der New Yorker Band MGMT, um den größten kommerziellen Selbstmordversuch seit Radioheads „Kid A“ handeln. Scheinbar. Denn wo sind sie hin, die Instant-Hits wie „Kids“, „Electric Feel“ oder „Time To Pretend“, die das Debütalbum so schillernd schmückten wie die unzähligen Orden an der Brust eines russischen Generals? Eine bewusste Entscheidung sei es gewesen, diesmal auf die vordergründigen Hits zu verzichten. So die Band.
Ein wenig ratlos lässt einen das Album nach dem ersten Hördurchlauf zurück und es bestätigt sich die Befürchtung des „Hit-freien Albums“. Scheinbar. Denn nach und nach, mit jedem weiteren Hören, erschließen sich einem die Qualitäten des Albums. MGMT stöbern in der Geschichte der populären Musik mit großen Augen und noch größerer Exeperimentierfreude und stecken sich alles in ihre viel zu großen Hosentaschen, in denen viel zu viel Platz ist. Beach-Boys-Chöre, New-Wave-Bassläufe, ein klassisches Cembalo, wabernde Psychedelia und ein altmodisches Vierspur-Aufnahmegerät, mit dem schon die Beatles aufgenommen haben. Und damit wären nur die Einflüsse des Openers „It‘s Working“ rudimentär beschrieben.
So geht es weiter auf dieser Achterbahnfahrt der Stile. „Someone‘s Missing“ klingt, als würden die Flaming Lips für eine Charity-Fernsehshow einen alten Jackson-5-Klassiker spielen. „Flash Delirium“ ist mit seinem verqueren Elektro-Folk-Charme und Glamrock-Refrain noch am Zugänglichsten und wurde dementsprechend als erste Single-Auskopplung ausgewählt. Das 12-minütige „Siberian Breaks“ ist dann nicht nur wegen seiner Länge und seiner Platzierung in der Mitte des Albums der zentrale Track. Wie eine Suite von Brian Wilson und Van Dyke Parks steigert sich der Song vom einfachen Easy-Listening-Vergnügen in ein ausuferndes, mit Flöten und allerlei hippieesken Gimmicks ausgestattetes Fantasy-Melodram. Prog-Folk könnte man hierzu auch sagen.
An einigen Stellen ist diese Stilvielfalt anstrengend und ermüdend, dem Hörer bleibt nur wenig, an das er sich für ein paar Minuten klammern könnte. Doch genau das macht auch den Reiz von „Congratulations“ aus. Hier passiert so viel, dass man dem Album bei jedem weiteren Hören neue Facetten abgewinnen kann. Wie durch eine magische Kraft wird man dabei immer tiefer und tiefer in den skurrilen, gewitzten und abgedrehten Soundkosmos von Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser gezogen, bis am Ende alles möglich zu sein scheint. Ob sich MGMT jedoch mit „Congratulations“ wie dereinst Radiohead gegen alle Konventionen auch kommerziell durchsetzen werden, das bleibt abuzwarten. Wenigstens scheint nun ein für alle Mal die Zeit der unsäglichen Haarreifen vorbei zu sein.