Interpret:
Mew
Plattentitel:
No More Stories Are Told Today / I'm Sorry They Washed Away / No More Stories The World Is Grey / I'm Tired Let's Wash Away
Label:
Columbia / Sony
VÖ:
21.08.2009
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 17.08.2009
Mew - das waren doch diese Dänen, die vor vier Jahren mit „And The Glass Handed Kites“ ein von Kritikern und Fans gleichermaßen gefeiertes Album veröffentlichten. Mew - das war für den Rezensenten bislang auch immer ein großes Rätsel. Was genau war an diesen abstrakten Songstrukturen, die dem Prog und der Avantgarde genauso nahe standen wie dem herkömmlichen Pop, nur so fesselnd, dass alle um einen herum scheinbar mühelos die Pointe verstanden, während man selbst krampfhaft versuchte, diese Musik gut zu finden, um dann nach mehrmaligem Hören entnervt aufzugeben.
Nun also ein neuer Anlauf mit einer neuen Platte, deren Albumtitel allein schon einen ganzen Rezensionstext ausmacht und der Scott Matthew den bereits sicher geglaubten Pokal für den längsten Albumtitel kurz vor der Ziellinie noch aus den Händen reißt. Dazu ein ebenso hässliches Cover wie zum Vorgängeralbum. Beste Voraussetzungen also, diese Band endgültig als prätentiös und uninspiriert abzutun. Mew machen es einem zu Beginn auch zu leicht, denn mit dem Opener „New Terrain“ gibt es drei Minuten wirr zusammengewürfelte Loops, die vorwärts wie rückwärts keinerlei Sinn ergeben. Wie bei einem angezählten Boxer sieht man die vernichtende Faust schon auf dieses Album zufliegen, in Zeitlupe. Nichts kann sie aufhalten.
Doch kurz vor dem KO kommt der Lucky Punch, das eine Lied, das mit einem (Achtung Wortspiel!) Schlag die eigene Meinung zu dieser Band grundlegend revidiert. „Introducing Palace Players“ ist eine fünfminütige Reise in das Unterbewusstsein einer Band, die ohne Weiteres große Popsongs schreiben könnte, der es aber um so viel mehr geht, wie sich zeigt. Ein gebrochener, zerfledderter Schlagzeugbeat, während eine Gitarre monoton scheinbar windschiefe Akkorde in die Luft donnert. Aus all dieser Dissonanz, dieser Kakophonie, schält sich nach einer Minute eine Synthesizermelodie, die den Song mühelos wie ein unsichtbarer Magnet ausrichtet. Als hätte ein irrer Schönheitschirurg einen New Order-Song (ca. „Low-Life“-Phase) mit einem Skalpell in hundert Stücke zerschnitten und diese dann mit verbundenen Augen wieder zusammengesetzt. Es ist herrlich, man möchte tanzen, wenn das zu diesem Song möglich wäre, doch Gott sei Dank ist er dafür zu sperrig.
Von da an machen Mew wie durch ein Wunder alles richtig. Das überaus poppige „Beach“, die gestrippte Mercury-Rev-Inspiration „Silas The Magic Car“ oder das mit einem dänischen Kinderchor (ein Kinderchor!) einsgespielte „Sometimes Life Isn‘t Easy“: allesamt Treffer, die einen tief in der Magengrube treffen, einem die Luft rauben. Es ist diese Mixtur aus unwiderstehlichem Pop, elektronischen Spielereien und überbordender Kreativität, die „No More Stories...“ zu einem der spannendsten Alben des Jahres macht. Vom Underdog zum strahlenden Sieger? Eigentlich die klassische Hollywood-Geschichte. Doch Mew machen daraus kurzerhand einen unterhaltsamen Dogma-Film.