Interpret:
Massive Attack
Plattentitel:
Heligoland
Label:
Virgin / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 15.03.2010
Vielleicht fehlte Robert „3D“ Del Naja auf „100th Window“ einfach das Korrektiv seines langjährigen Wegbegleiters Grantley „Daddy G“ Marshall. Vielleicht lag es aber auch einfach an den fehlenden Ideen, dass Massive Attack auf ihrem letzten Album deutlich hinter den hohen Erwartungen zurückblieben. War „Mezzanine“ noch eine abenteuerliche Achterbahnfahrt voller außergewöhnlicher Songs, fühlte man sich auf „100th Window“ eher wie in einem Kinderkarussell. Man drehte sich im Kreis, dazu noch im Schneckentempo.
Glücklicherweise haben Del Naja und Marshall mittlerweile Frieden geschlossen. Zwar ist Marshall nur auf der Vorabsingle „Splitting The Atom“ als raunender Sänger zu hören und überlässt sonst Del Naja und den Gastsängern das Mikro. Doch hat man auf „Heligoland“ den Eindruck, dass Marshall an allen Ecken seine Spuren hinterlassen hat. Im Gegensatz zu Dave Sitek (TV On The Radio), der als vermeintlicher Produzent im Vorfeld im Gespräch war. Ein komplettes Album soll bei diesen Sessions aufgenommen und wieder verworfen worden sein. Übrig geblieben ist dabei wohl einzig der Gastbeitrag Tunde Adebimpes, der dem Eröffnungsstück „Pray For Rain“ mit seiner intim-direkten Stimme den Weg weist. Der Beat schnarrt torkelnd durch menschenleere Hotelflure, während aus einem Zimmer ein verwunschenes Klavier zu hören ist. Wer hier jetzt an „Karmacoma“ denkt, liegt gar nicht so daneben.
Auf „Heligoland“ schaffen Massive Attack den Spagat, einerseits an ihre alten Erfolge anzuknüpfen, ohne dabei wie ein billiges Echo ihrer selbst zu klingen. „Babel“ wird dank der Mithilfe der Tricky-Chanteuse Martina Topley-Bird ganz wie ein von selbst sedierter Bewusstseinstrip. Das Gleiche gilt für „Paradise Circus“, nur dass hier Hope Sandoval zu einem Zeitlupentakt und einem Meer aus Streichern wie eine unterkühlte Schneekönigin klingt. Horace Andy, ohne den ein Massive-Attack-Album schon gar nicht mehr denkbar wäre, veredelt mit seinem einzigartigen Timbre das psychotisch-hypnotische „Girl I Love You“. So dunkel, so apokalyptisch waren Massive Attack schon lange nicht mehr. Und auch schon lange nicht mehr so gut.
Dass „Psyche“ trotz Topley-Birds Mitwirken merkwürdig lustlos und beliebig wirkt, darüber kann man getrost hinwegsehen. Denn die verbleibenden neun Stücke machen diesen kleinen Makel mehr als wett. Elbow-Sänger Guy Garvey steuert zielsicher wie ein bärtiger Käpt‘n in „Flat Of The Blade“ durch die pechschwarze, bläsergetränkte See. „Saturday Comes Slow“ beweist, dass Damon Albarn scheinbar nichts mehr falsch machen kann. Zu den vergessen auf der akustischen Gitarre gezupften Akkorden fragt Albarn flehend und voller Skepsis: „Do you love me?“ Abgedroschen mögen die Worte vielleicht wirken, doch in der Einfachheit des Vortrages liegt eine entwaffnende Ernüchterung, die durch Mark und Bein geht und den Hörer verstört zurücklässt. Gleiches kann man über das gesamte Album sagen: „Heligoland“ mag sich zwar im typischen Koordinatensystem der beiden Briten bewegen. Doch das tut es mit einem unüberhörbaren Selbstbewusstsein, das man auf „100th Window“ noch so schmerzlich vermisste.
Video zu „Splitting The Atom“: