Interpret:
M83
Plattentitel:
Saturdays = Youth
Label:
Virgin / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 19.05.2008
Es ist schon eine Weile her, dass ich die Sekundarstufe 1 besucht habe, aber an einige Ereignisse kann ich mich noch sehr gut erinnern. So auch an dieses: Mein ehemaliger Englisch- und Geschichtslehrer war - und ist es hoffentlich noch immer - ein großer Fan von britischer Musik mit dem Anspruch, „handgemacht“ zu sein. Irgendwann unterhielten wir uns mit ihm über Musik aus verschiedenen Ländern und kamen auch auf Frankreich zu sprechen. Sein Gesicht verzog sich ein wenig und er äußerte lediglich, dass Musik aus diesem Land mit all den vielen Synthesizern wie Plastik klingen und gar nicht mehr aus den 80er Jahren rauskommen würde. Er habe eine tiefe Abneigung gegenüber solcher Musik und verlieh dieser Ansicht mit einem „Bäh“ noch mehr Ausdruck. So gesehen dürfte M83s fünftes Album „Saturdays = Youth“ für ihn so etwas wie die Erfüllung aller angehäuften Klischees sein.
Möglicherweise liegt seine Antipathie gegenüber Synthie-Pop aber genau darin, dass diese Musik nicht mehr aus seiner Jugend stammt. Schließlich war der gute Herr, zu dem Zeitpunkt als wir uns mit ihm unterhielten, bald 50 Jahre alt und er verband seine Jugend mit den organischen Rock-Klassikern der 60er und 70er Jahre. Geboren in den 80ern und als Jugendliche das Jahrzehnt erlebt, welches sich von den 80ern nicht so recht erholt hat, verkörpert „Saturdays = Youth“ für mich und für viele andere Menschen in meinem Alter aber genau das, was wir mit unserer Jugend verbinden.
Melodramatische Gefühle und überspitzte Anstürme synthetischer Instrumentierungen. Wie der Titel es schon selber aussagt, wird hier eine mathematische Regel aufgestellt, die so unerschütterlich ist, dass sie für dieses Album zur allgemeinen Gültigkeit erwächst. Der aus Süd-Frankreich kommende Anthony Gonzales hat es selbst vortrefflich formuliert, wenn er sagt: „Saturday is definitely the coolest day of the week for a teenager and that´s the reason Saturday is in the title“. Hier werden die ganz großen Emotionen unserer Jugend mit plastikhaften Beigeschmack auf berührende Weise vertont ohne aber abgedroschen billig zu klingen.
Einiges hat sich geändert in der klanglischen Auslegung der Songs von M83, ohne aber auf das typische, wesentliche Element einer M83-Komposition zu verzichten. M83 malt noch immer die gigantischen Epen mit Synthesizern und Drumcomputern in die samstäglichen Nächte der Welt. Nur dieses Mal hat man es nicht mit elektronischem Post-Rock zu tun sondern mit elektronischem Post-Pop, der noch melodischer und noch strahlender geworden ist als sein wundervoller Vorgänger „Before The Dawn Heals Us“. Man wird mit „Saturdays = Youth“ vermehrt auf die Pop-Elemente treffen, die sich durch Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, B-Teil und einem erneuten Refrain auszeichnen. Auf die überdurchschnittliche Länge seiner Pop-Songs hat M83 aber dennoch nicht verzichtet und so ist „Saturdays = Youth“ mit elf Stücken und über einer Stunde Spielzeit länger geraten, als man es von einem solchen plakativen Werk erwarten würde.
Kopfkino will ich es aber dennoch nicht nennen, dafür sind die Stücke einfach nicht ausufernd genug und geben relativ wenig Raum zur freien Interpretation. M83 gibt einem die grobe Richtung der Deutung vor und ist gewillt, die bedeutenden Klischees der Jugend zu vertonen. „Kim & Jessie“ handelt zum Beispiel von den ersten Experimenten mit Drogen und wird von einem energischen Schlagzeug, schrillen Synthesizern und reverb-lastigen Gitarren getragen. Wohingegen die aktuelle Single „Graveyard Girl“ zur glorifizierenden Nummer der 80er Jahre und all ihren Teenager-Filmen wird. Die 15 Jährige Protagonistin des Songs ist eine alte Bekannte, die man auch schon aus Filmen wie „The Breakfast Club“ kennt. Das introvertierte Mädchen, das ihre Verbitterung über das System mit einer Anti-Haltung versucht aufrecht zu erhalten, sich aber dennoch nach all den Normalitäten des Lebens sehnt. Anerkennung, einen Freund und Verständnis für ihr Handeln. Auch hier wird man auf die gläsernen Gitarren und die hohen Synthesizer treffen, die zum antreibenden Schlagzeug-Beat tanzen.
Mit Songs wie „Coleurs“ oder dem epochalen Ende mit „Dark Moves Of Love“ und „Midnight Soul Still Remains“ bringt Gonzales aber auch seine flächigen Sounds wieder mit auf das Album, wobei „Coleurs“ aber dann wegen seiner Tanzbarkeit und den Ähnlichkeiten zu Liquid Liquid als Dance-Track eher aufmunternd und animierend ist. Völlig weggeblasen wird man wohl vom träumerischen „We Own The Sky“ sein. Ein nach einem streichenden Laser klingender Synthesizer spielt einen sich immer wiederholenden Loop zum erschöpften Beat und den süßen Gesängen von Anthony Gonzales und der auch sonst auf „Saturdays = Youth“ häufig auftauchenden Morgan Kibby. Sie wird alle steinernen Herzen erweichen in „You Appearing“, „Up“ oder „Skin Of The Night“. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn die Gitarre mit viel Hall und einem Chorus einsetzt und die beiden fast kanonartig „It´s coming / It´s coming now“ singen. Hoffentlich wird es zu diesem Song eine akustische Neuinterpretation oder zumindest einen Remix geben.
„Saturdays = Youth“ ist ein kleines Meisterwerk geworden, das vielleicht sehr pathetisch und kitschig klingen mag, aber dafür wie eine Zeitreise in die eigene Jugend und vor allem die 80er Jahre klingt, nur dass man hier stets alles aus der klanglichen Position des neuen Jahrtausends betrachtet und neues schafft statt zum imitieren. Da wünscht man sich noch einmal jugendlich zu sein um all das Leid, den Herzschmerz und die innere Verwirrung ein weiteres Mal zu durchleben, wo jeder Tag ein weiterer Samstag ist.