DETAILS

Interpret:
M83

Plattentitel:
Hurry Up, We're Dreaming

Label:
Naïve / Indigo

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
8.5 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 26.10.2011

PLATTENKISTE

M83 - Hurry Up, We're Dreaming

M83 - Hurry Up, We're Dreaming

Die Themen, die Anthony Gonzales als M83 auf seinen Alben und damit in seiner Musik bearbeitet, sind so einfach wie genial. Der französische Produzent und Elektro-Frikel-Synthie-Popper vermischt die Themen Stadt, Nacht, Jugend und Adoleszenz in einem gewaltig-strahlenden Bottich aus Sehnsucht, Melancholie, Träumerei und Hingabe wie kein anderer. Und das macht er schon seit Beginn seiner nun zehnjährigen und fünf Alben umspannenden Karriere. Nur gemerkt hat das bis zu diesem Album nicht wirklich jeder.

Das widersprüchliche Schattendasein als der gleißend-funkelnde Stern am Synthesizer-Pop-Himmel hätte für M83 eigentlich schon mit seinem letzten Album „Saturdays = Youth“ längst zu einem Ende gelangen sollen. Doch auch hier war er eher der Insider-Tipp: Der plastikhafte Franzose mit dem Splin für überdrehte Synthesizer-Arrangements, die wie klassische Kompositionen bei Nacht über den Städten der westlichen Welt der Jugend den emotionalen Weg zwischen den schrillen 80ern und den übersättigten 00er Jahren leuchten. Und dabei war er Anfang des letzten Jahrzehnts seiner Zeit weit voraus.

Die breite Akzeptanz seiner Musik hat sich mit jedem weiteren Album immer mehr eingestellt. Somit war und ist M83 nicht gezwungen mit jeder neuen Veröffentlichung die großen Innovationen zu betreiben. Der „Vorsprung durch....“ warme Synthesizer-Gefühle ist bei ihm so groß, dass er es sich seit „Before The Dawn Heals Us“ sogar erlauben kann, einfach bei seinem gewohnten Produktionsstand zu verharren und auf all die Hörer zu warten, die bei seiner ins neue Jahrtausend verfrachteten 80er-Frankreich-Liebe bisher nicht mitgekommen sind. Lange Rede, kurzer Sinn: Mit „Hurry Up, We're Dreaming“ wird M83 endlich der lang ersehnte Durchbruch gelingen.

Und dabei geht er sogar noch einen Schritt weiter bzw. zurück. „Hurry Up, We're Dreaming“ ist in M83s Oeuvre sogar das organischste Werk geworden, das er bisher veröffentlicht hat. Zwischen all den überwältigenden Synthesizer-Strahlen, die aggressiv aber wohltuend blenden, sich wie sakrale Chöre erheben und Dream-Pop eine neue Bedeutung geben, mischt er sehr gekonnt an manchen Stellen neben den gewohnt-verzerrten E-Gitarren-Wänden und tobenden Schlagzeug-Beats (meistens sind es aber Drumcomputer) auch akustische Gitarren und andere analoge Aufmerksamkeiten unter. Man wird sich aber nicht unbedingt deshalb in sein neues Album verlieben, wie es einer Legende nach bei Leslie Feist mit einem früheren Album von ihm geschehen ist. Der sehr spärliche Weg zu den organischen Instrumenten trägt aber zum neuen, noch leichteren Gefühl von M83 ungemein wie im erwartungsvollen „Wait“ bei.

Der Hit, oder das, was „Hurry Up, We're Dreaming“ trotz aller synthetischer Strahlkraft, die in seinem ganz typischen Stil stets die Grenzen des guten Geschmacks auslotet, damit aber auch der Pathos-Fels in der Brandung von hektisch und überschwänglich verliebt-schlagenden Herzen ist, findet sich plötzlich treffsicher in der ersten Single. Mit der Veröffentlichung von „Midnight City“ war jedem noch so Tauben für die bisherigen Träumereien von M83 klar, dass dieses Doppel-Album im Ganzen ein Hit wird. Nur wird sich auf „Hurry Up, We're Dreaming“ nichts mehr so anhören, wie noch eben jene quietschende, rostige Power-Single, in der ganz am Ende das scharfe Saxophon zum stürmischen Finale ausgepackt wird. Somit hat M83 den perfekten Lockvogel losgeschickt, um am Ende alle blind vor Begeisterung jubelnden Hörer um den Sythesizer zu wickeln und in gewohnter Manier, seine Kopfkino-Arrangements abzufeuern. Ein Kopfkino, für das er sogar ganz versteckt in den einzelnen Songs auf bekannte Themen, wie zum Beispiel von „Lower Your Eyelids To Die With The Sun“ zurückgreift, um sie, noch bevor sie erkannt werden, im Keim zu ersticken. Auch untermauert M83 mit dem Featuring von Zola Jesus im „Intro“, dass er noch immer ganz bei sich ist und solche Auftritte nur zur Manifestation seines getriebenen Begehrens nach Dramatik sucht.

Darum will ich hier auch gar nicht groß auf einzelne Songs eingehen. Die Mischung aus kitschigem Pop und schwelgendem Indie, Elektro, Shoegaze, Dream und Ambient ist mit „Hurry Up, We're Dreaming“, dessen Titel eigentlich alles sagt, wie auf den Kopf getroffen. Ein leichtes Abdriften in sexy Prince-Manier („Reunion“ oder „Claudia Lewis“) und ein euphorisches Umherhüpfen wie auf „Natur“-Drogen („Raconte-Moi Une Histoire“) ist hier schon obligatorisch inbegriffen. Über allem steht da aber die Größe und Klanggewalt sehnsuchtsvoller Arrangements und Gonzales' energisch-hohe und verhallte Stimme, die mit ihren ausufernden Synthesizer-Wänden nur so mit überschäumenden Empfindungen von etwas hausieren gehen, das eindeutig so fulminant malerisch ist, wie die Themen, denen M83 seit jeher verfallen ist. Liebe und Zuversicht in die Stadt bei Nacht, umgeben von den pompösen Erwartungen jugendlichen Sturms und seiner Leichtigkeit, sowie dem vorauseilenden, beziehungsweise sich daran wieder anschließenden Schwermut. Bittersüße Momente in über 70 Minuten und dem besten Ende eines „Outro“, das es jemals gab.

Video: „Midnight City“

M83 - Midnight City from naiverecords on Vimeo.


 

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