Interpret:
M. Ward
Plattentitel:
Hold Time
Label:
4AD / Beggars Group / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 23.02.2009
Man sieht ihn noch förmlich vor seinem inneren Auge, immer und immer wieder kommen die Bilder in einem hoch, hört man die Musik des Ausnahmekünstlers Matt Ward: wie er sich damals, 2003, als unbekannter Supportact auf einer kleinen, abgewrackten Bühne im Münchner Feierwerk die Seele aus dem Leib spielt, sich in eine andere Welt singt - und das Publikum ihn größtenteils mit Nichtbeachtung bestraft. Dass Ward die im Anschluss auftretenden Yo La Tengo locker an die Wand spielt, ist dann am Ende nur noch eine Fußnote.
Man muss sich langsam damit abfinden - es wird immer schwerer, M. Ward und sein musikalisches Schaffen zu ignorieren, zu bedeutend sind seine letzten Alben gewesen. Besonders sein letztes Album „Post-War” bekam den verdienten Kritiker-Applaus, der ihm zu einer Tour mit Norah Jones verhalf. Nun also „Hold Time”, die Zeit soll stillstehen, für einen Augenblick verweilen, mindestens für die nächsten knapp 40 Minuten Spielzeit.
Und was für ein Füllhorn an Melodien von Ward auf „Hold Time“ aus dem Ärmel geschüttelt wird. Diese vierzehn Songs mit dem Sammelbegriff „Americana” zu etikettieren, wäre eine Beleidigung an die Vielfalt, mit der hier zur Sache gegangen wird. So gibt es neben den üblichen introspektiven Songs in Homerecording-Manier („For Beginners”) mit „Never Had Nobody Like You” unter anderem waschechten Glam-Folk (dieses Genre sollte Ward sich patentieren lassen), der eher an T-Rex und The Sweet statt an Singer/Songwriter-Kollegen erinnert. „To Save Me” ist mit seinem Paukenpomp und all dem Glitter eine Hommage an Jeff Lynnes Electric Light Orchestra mit den Mitteln Grandaddys (kein Wunder, wirkt doch deren Mastermind Jason Lyttle an diesem Song mit).
„Fisher Of Men” hätte mit seiner biblischen Anspielung und dem hoppelnden Country-Gewand auch von Johnny Cash stammen können, wenn dessen „American Recordings” nicht von Rick Rubin sondern von Dave Fridmann produziert worden wären. Vieles an diesem Album ist wunderbar ungeschliffen und roh, mit Ecken und Kanten, an denen man sich den Kopf stoßen kann, wenn man nicht aufpasst.
Darüber hinaus wartet „Hold Time” mit einer illustren Schar an Kollaborateuren auf. Neben Lyttle singt Wards „She & Him”-Partnerin und „Almost Famous”-Schauspielerin Zooey Deschanel bei einigen Stücken im Hintergrund und niemand geringeres als Lucinda Williams wirkt bei „Oh Lonesome Me” als Duettpartnerin Wards mit. Abgemischt wurde das Album vom Bright-Eyes-Produzenten Mike Mogis. Große Namen, die jedoch nie effektheischend eingesetzt werden. Als hätten sie nur zufällig im Studio vorbeigeschaut um Hallo zu sagen. Nun sind sie Teil eines Albums geworden, das man 2009 definitiv nicht überhören wird. Licht aus, Spot an auf M. Ward.