Interpret:
Los Campesinos!
Plattentitel:
We Are Beautiful, We Are Doomed
Label:
Wichita / Cooperative Music / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 27.10.2008
Allmählich häufen sich die Bands, die sich im 21. Jahrhundert nicht mehr durch starre Produktionswege aufhalten lassen. Antizyklisches Verhalten ist das Stichwort. Es wird nicht nur mehr Musik, der wir uns täglich ausgesetzt sehen, sie wird von den einzelnen Bands auch viel schneller Veröffentlicht. Es scheint also, als sei die Musikindustrie einzig durch ihre Interpreten endlich da angekommen, wo sie schon vor fünf Jahren hätte sein müssen. Es wäre wohl nicht so harsch für sie ausgegangen, hätte sie sich von Anfang an vom Aufwind des Indies tragen lassen.
Die Waliser Los Campesinos! setzten mit ihrer neuen Veröffentlichung, „We Are Beautiful, We Are Doomed“, gute fünf Monate nach „Hold On Now, Youngster…“ zwar nach wie vor in Europa auf ihr Label Wichita und nicht darauf, es so wie Bloc Party oder ähnliche zu machen. Dennoch sind sie schnell, wollen nicht warten und nutzen die neuen Möglichkeiten konsequent aus. Es besteht eigentlich kein Grund mehr Jahre ins Land streichen zu lassen, bis endlich ein neues Album oder eine EP erscheint. Wer hier noch mitspielen möchte, muss nicht nur schnell Veröffentlichen, sondern auch die Fans immer wieder mit sich reißen.
Mit ihrem jetzt erschienenen neuen Album machen Los Campesinos! eben genau das. Und „We Are Beautiful, We Are Doomed“ ist eben nicht eine B-Seiten- oder Raritäten-Ansammlung. Ursprünglich als EP geplant, gingen alle elf aufgenommenen Songs den sieben Wirbelwinden so sehr unter die Haut, dass sie sich entschlossen, ein Album daraus zu machen. So darf man sich jetzt wieder völlig losgelöst zu ihrer Musik mit einem neuen Album im Player bewegen und alles um einen herum auf seinen „Ways To Make It Through The Wall“ vergessen. Sie haben sich ihr Temperament bewahrt und preschen in ihrem noch vorhandenen jugendlichen Leichtsinn unaufhaltsam an ihren schrabbeligen Instrumenten nach vorne. So bleibt stilistisch alles auf „We Are Beautiful, We Are Doomed“ beim alten, allerdings wie gesagt: Es ist etwas neues, dass da vor sich hin brodelt und nicht die aufgewärmten Reste.
Auch mit ihrem zweiten Album gelingt es ihnen, so frisch und beschwingt wie auf ihrem Erstling zu klingen. Vielleicht tritt die Platte so gesehen etwas auf der Stelle, aber es muss einem erst einmal gelingen, sich das Gefühl für Melodien und Texte zu wahren, die so herzerweichend reflexiv sind wie die der Campesinos!. Eigentlich ist es nicht notwendig noch überhaupt etwas weiteres zu ihrem neuen Album zu sagen, wenn man das erste Album kennt. Man wird die mit Schönheit gestrafte Verdammnis dieser Band einfach lieben müssen. Mit einem solchen Album- und Song-Titel wie „We Are Beautiful,…“ treffen sie den Nagel der musikalischen Selbstbeschreibung auf den Kopf. Ihre überschäumenden Anstürme an den kratzenden Gitarren, den satten Bassläufen, den polymeren Klimpereien und Rhythmen, den melancholisch weinenden Streichern und ihrem sich überschlagenden Gesang, sind in allen elf Songs tonangebend.
Dazu kommen Textzeilen wie „Oh, we kid ourselves, there's future in the fucking / But there is no fucking future“ oder „We are waiting here for catastrophe“ und „Calling you again on the telephone / But all I get is another stupid ringingtone“. Bei Los Campesinos! bewegt sich alles immer „Between An Erupting Earth And An Exploding Sky“ und wird berührend verdichtet auf den Punkt gebracht. Mit ihren Songs auf den Ohren darf man sich noch einmal so unbeschreiblich schön desillusioniert wie mit 18 Jahren fühlen. Aber nicht Wut oder Selbstzerstörung bestimmen die vermittelten Launen auf „We Are Beautiful,…“. So viel Witz, Charme und selbstreflexive Intelligenz hört man selten in Songs junger Bands. Schlussendlich ist dann doch nicht alles so sehr von „Miserabilia“ durchzogen und es bleibt sogar Zeit für das mit einer akustischen Gitarre begleitete „Heart Swells - Pacific Daylight Time“, das sachte dahin gewogen wird. Zum Schluss endet die Platte ganz abrupt und verspielt mit einem letzten Fiedelstrich in „All Your Kayfabe Friends".
Was aber dennoch bleibt, ist ein leichtes Unbehagen, das man mit „We Are Beautiful, We Are Doomed" verspürt. Denn obwohl es keine B-Seiten sind, glaubt man hier aufgrund der einheitlichen Stilistik zum Vorgänger eben jenen zu hören. Die fünf Monate haben wohl doch nicht dazu gereicht, sich musikalisch weiter zu entwickeln. Los Campesinos! sind kreativ in ihrem Stil, schaffen neue Songs für ein neues Album und untermauern ihre Fähigkeiten. Für das nächste Album sollten sie sich aber mehr Zeit nehmen und etwas gewagter über den eigenen Tellerrand schauen.