DETAILS

Interpret:
Los Campesinos!

Plattentitel:
Hold On Now, Youngster...

Label:
Wichita / Cooperative Music / Universal

VÖ:
bereits erschienen

Punkte:
8.5 von 10

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 19.02.2008

PLATTENKISTE

Los Campesinos! - Hold On Now, Youngster...

Los Campesinos! - Hold On Now, Youngster...

Was mit begeisterten Jams in günstigen Proberäumen, kleinen College-Konzerten unter Freunden, einer selbst eingespielten Demo in einem Jugendzentrum und dem labellosen Verbreiten der eigenen Musik über das Internet begann, hat mittlerweile einen schier unglaublichen Reifegrad erreicht, der wie der sprichwörtlich wahr gewordene Traum für jede Band erscheinen mag. Die Los Campesinos! hielten bereits gegen Ende 2007 die Musikwelt mit ihrer „Sticking Fingers Into Sockets EP“ und der Single „The International Tweecore Underground“ als absolute Newcomer in Atem. Da blieb wirklich kein Auge trocken. Es sollte nach den ersten Demos also auch nicht lange dauern, bis die ersten Label-Angebote die Freunde aus Cardiff erreichten. Nicht Grünschnabel-Allüren waren ihre Leitfäden im riesigen Musik-Kosmos. Nein, das wäre für eine so pfiffige Band zu einfach gewesen. So sicher sie die Töne treffen, so sicher trafen sie auch die Wahl ihres Labels für Europa.

Und damit nicht genug. Auch die Auswahl ihres Produzenten zeugt von großem Geschmack und eben diesem Grad an persönlicher Reife einer Band, deren Mitglieder gerade einmal die 20er erreicht haben. Wie hätte die Wahl der siebenköpfige Band auf jemand anderen fallen können als auf David Newfeld von Broken Social Scene, dem Kollektiv-Dirigenten heutiger Tage schlechthin? Und wo man gerade schon mal in Kanada war, hat man auch gleich einen Vertrag bei Arts & Crafts für die Vertretung ihres Albums in Nord-Amerika unterschrieben. Besser kann es kaum laufen.

Wer nach all den Intelligenz-Bekundungen über diese Band erwartet, dass „Hold On Now, Youngster...“ nach altklugem Gehabe klingt, ist wirklich naiv. Nichts dergleichen werden die Los Campesinos! mit diesem Album erfüllen. Mit viel Witz und einer gehörigen Portion Charme hat es sich diese Band zur Aufgabe gemacht, stets gegen den Wind zu pissen. Aber das gehört eben auch dazu, wenn man diese ungehaltene Energie des Lebens als so junge Band ertragen muss. Nur die Flucht nach vorne mit viel Temperament bietet da eine angemessene Herangehensweise an die Thematiken dieser Platte. Von einem trotzigem Verhalten, wie man es von anderen jungen und junggebliebenen Bands kennt, kann bei dieser Geisteshaltung aber nicht die Rede sein. Sie zeigen beispielhaft, wie man die geballte Ladung der alltäglichen Realität ertragen kann und trotzdem nicht in Resignation oder Depression versinkt.

Gegen solche Gefühlszustände sprechen einfach zu sehr die betörenden Melodien der Campesinos!, die einen mitreißen und durchschütteln werden. Die Gitarren-Fraktion ist mit ihrem dialoghaften Spiel frech wie ein kleiner Querulant und für jede Reiberei zu haben. Dazu kommt ein energetisches Schlagzeug, das unentwegt Dampf ablässt, indem es die Band hitzig antreibt oder wieder zur Ruhe führt. Des weiteren finden sich bei den Los Campesinos! geladene Bassläufe, kindliche Glockenspiel-Gewitter, rührende Violinen und alles verzierende Keys, die alle wie aus einem Gedanken-Kollektiv-Guss zu kommen scheinen. Obwohl die Band aus sieben Köpfen besteht, sind Unstimmigkeiten des Klangs zu keinem Zeitpunkt präsent. Übermäßige klangliche Kompromisse gehen sie dennoch nicht ein und lassen es auf „Hold On Now, Youngster...“ wie schon auf ihrer EP und Single so richtig indiehaft krachen.

Man ist sich in so jungen Jahren also nicht nur darüber einig, wie man seine Karriere gestaltet, sondern auch darüber, dass das hemmungslose Ausleben der süßen Bitterkeit des Lebens nur in einem klanglichen Sturm dargeboten werden kann. Bereits im Opener „Death To Los Campesinos!“ schießt die Band aus allen Rohren. Immer geradeaus und ohne Rücksicht auf Verluste erobern sie die Herzen der Hörer mit diesem schwelgenden Refrain, in dem es heißt: „If you catch me with my hands in the till / I promise, sugar, I wasn´t trying to steal / I´m just swimming in copper to smell and pretend like a robot!“. Diese alles überflügelnden Passagen findet man bei den Campesinos! in allen Songs. „Broken Hearts Sounds Like Breakbeats“ und „Drop It Doe Eyes...“ funktionieren da ganz ähnlich. Die Band baut einen Song Stück um Stück auf, bricht mit den einzelnen Momenten so spontan, wie sie einen neuen Rhythmus für ein weiteres Instrument einführt und hinterlässt die besungenen gebrochenen Herzen in Breakbeats schlagend zurück. Die Songs entfalten ihre Schönheit zum Großteil dadurch, dass Gareth und Aleksandra Campesinos! es verstehen, die Spannung zwischen wildem Ungestüm und beruhigenden Beschwichtigungen mit ihren Stimmen in Einklang zu bringen. Sollte die Anspannung doch einmal zu groß werden, dann schreit man seinen Frust oder seine Euphorie im Kollektiv hinaus. „And we exhale / And we roll our eyes / And we do these things in unison / And woe is me / And woe is you / And woe is us, together“ heißt es da in „...And We Exhale And Roll Our Eyes In Unison“.

Auffallend ist allerdings, dass die Band im Vorfeld mit ihren EPs und der Single immer wieder leicht bearbeitete Neu-Versionen der Klassiker „You! Me! Dancing!“, „Please Don´t Tell Me To Do The Math(s)“ oder „Sweet Dream Sweet Cheeks“ veröffentlicht haben.Und auch auf ihrem Debüt-Album konnten sie die Finger nicht wirklich von diesen Songs lassen. Hier und da wurde etwas an den Arrangements geändert, das Intro schrabbeliger gemacht und vielleicht ein weiteres kleines i-Tüpfelchen untergebracht. Das ändert aber nichts daran, dass das Resultat möglicherweise an Emotionen verloren hat.

Eigentlich könnte man hier auf jeden der elf Songs eingehen, so sehr verzaubern sie einen zurück in eine Zeit, wo man noch voller Elan gegen das eigene soziale Umfeld und dessen Konventionen geschossen hat. Immer für Kämpfe, Träumereien und Bitterkeiten bereit schließen sie ihr Album mit dem umarmenden Bonus-Track „2007: The Year That Punk Broke (My Heart)“ ab und brauchen dafür lediglich folgende Zeilen: „Me, in your back garden / With my Walkman tucked inside my forearm / And I´m waiting, waiting for C90 / In the summer of 2007 / The summer that punk rock broke my heart“, bevor sich der Song ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren in den Himmel schraubt. Ist das nicht großartig?


 

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