Interpret:
Lightspeed Champion
Plattentitel:
Falling Off The Lavender Bridge
Label:
Domino / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 04.03.2008
Dev Hynes ist nicht nur auf dem Cover zu „Falling Off The Lavender Bridge“, seines aktuellen Projekts Lightspeed Champion, ein schräger Vogel, er ist es auch irgendwie im wahren Leben. Noch bevor die Indie-Noise-Rock-affinen Test Icicles in aller Munde waren, wurde die Band zur Wahrung des kulturellen Mythos gleich nach dem ersten Album wieder aufgelöst. Danach machte sich der in Houston geborene und in Großbritannien aufgewachsene Weltenbummler auf nach Omaha, um dort gemeinsam mit dem halben Saddle Creek-Ensemble - allen voran Hausproduzent Mike Mogis - ein alternatives Singer/Songwriter-ähnliches und Country-Folk-haftes Indie-Album zu produzieren.
Ganz abgesehen von seinen schrägen Ambitionen hebelt er mit diesem Album tatsächlich jegliche Klischees und böswillige Vorurteile im Handumdrehen aus. Abgesehen von seinem Geburtsort kann man sagen, dass er Brite ist, dazu ist er schwarz und macht seit neuestem Saddle Creek verliebte Klänge gemischt mit zum Teil brutalen Beziehungstexten, wie man sie sonst nur aus dem Hip Hop kennt. Die Welt wird zum Dorf und niemand hat mehr den Rhythmus im Blut oder den Soul mit der Muttermilch aufgesogen.
Streicher, Steel-Guitars, kleine Hintergrundchöre, Oboen und Klarinetten werden mit den üblichen Verdächtigen aus Klavier, Schlagzeug, akustischen Gitarren, Bässen und den manchmal merkwürdig erscheinenden Texten („Wake up, smell the semen...“) zu einem komplexen Gesamtbild verwoben, das trotz allem so unbeschwert leicht und bittersüß ist. Auch wenn es mal mit Zeilen wie „Clean your blades and start swinging / Don´t stop till the red runs out / Till no more joy pours out of your mouth“ heiß hergeht („Tell Me What It´s Worth“) überwiegt immer ein herrlich erquickendes Gefühlsgemisch aus ironischer Glückseeligkeit und tiefster Niedergeschlagenheit. Dafür sorgt Hynes´ klare Stimme mit diesem sympathischen Charme, durch die er gerade im bald zehn Minuten langen und sich unentwegt ändernden „Midnight Suprise“ das Eis zum schmelzen bringt. Der Höhepunkt dieses Stückes ist erreicht, wenn er harmonisch mit Emmy The Great „I´ll fire in the sun / I´m dying, just for fun“ singt.
„Falling Off The Lavender Bridge“ ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die trotz des textlichen Dauersturzflugs auf der musikalischen Seite Höhen und Tiefen kennt. Anstatt sich unentwegt auf Bright Eyes-Schleichwegen zu bewegen, wechselt Hynes in „Dry Lips“ die Spur und klingt wie Patrick Wolf im rein akustischen Gewand. „I Could Have It Done Myself“ und „Salty Water“ sind wie deprimierende Vorboten für das, was in „Dry Lips“ noch kommen wird und lassen einen aufhorchen und grübeln, ob man es nicht doch mit einem Konzeptalbum zu tun hat. In „Salty Water“ heißt es nämlich im sich ständig wiederholenden und meditativem Refrain „I dreamed about this so many times before“, während er in „Dry Lips“ erneut das „Salty Water“ erwähnt, das dieses mal in seine Wunden gegossen werden soll und er auf dem Höhepunkt des Songs lauthals „Tell her I give up / He´s won / And I have lost all my humanity“ singt. Den finalen Schlussstrich dieser geladenen Beziehungskiste auf „Falling Off...“ bilden erneut Hynes und Emmy The Great mit schwelgender Wärme und die Theatralik übermalenden Stimmen in „No Suprise (For Wendela) / Midnight Suprise“.
Auch wenn Dev Hynes mit seiner musikalischen Neuerfindung als Lightspeed Champion ein exzellentes Werk voller Gefühl abliefert, muss man ihm leider doch vorhalten, dass es schon ein großer Brocken voll Kitsch und überspitzter Poppigkeit geworden ist. Ein Werk, das zu polarisieren vermag und die einen ebenso anziehen und gefangen nehmen wird wie es andere abstößt.