Interpret:
LCD Soundsystem
Plattentitel:
This Is Happening
Label:
DFA / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 24.05.2010
Man soll ja immer dann abtreten, wenn es am Schönsten ist. Wenn man diesem alten Sprichwort glauben schenken darf, dann hat James Murphy mit seinem Album „This Is Happening“ nun den goldrichtigen Zeitpunkt gefunden, um nach drei Alben sein Projekt LCD Soundsystem an den Nagel zu hängen. Denn die neun Songs des neuen Albums spiegeln in komprimierter Form alle Facetten Murphys Könnens wieder, mit denen er bereits auf den beiden Vorgängeralben reüssierte.
Doch der Reihe nach. Laut Murphy ist „This Is Happening" das letzte Album unter dem Namen LCD Soundsystem. Als nunmehr 40-jähriger möchte er sich in den kommenden Jahren anderen Projekten widmen. Wäre dieses Album nicht das Meisterwerk, das es nun einmal geworden ist, man hätte diese Nachricht mit einem leichten Achselzucken und einem wehmütigen Rückblick auf vergangene Großtaten zur Kenntnis genommen und hätte sich dann wieder dem neuesten heißen Scheiß gewidmet.
Jetzt ist die Krux nun einmal, dass „This Is Happening“ der neueste, der größte heiße Scheiß geworden ist, den Murphy bislang in seiner Karriere produziert hat. Man nehme nur einmal den Opener „Dance Yrself Clean“, der mit minimalistischer Zwei-Finger Keyboardbegleitung im Scheunentanzstil große Erwartungen weckt. Man wartet, man hört Murphy wie hinter einem Schleier sprechsingen, während sich die Musik sachte aufbaut. Hier ein kleiner Synthie-Triller, da ein windschiefer Chor, dort eine Kuhglocke. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, die so still ist, dass man den Song lauter drehen muss, um auch alles mitzubekommen. Auch dies ist ein genialer Schachzug Murphys, denn mitten in diesen vermeintlichen Wohlklang bricht das größte Unwetter über einen herein. Blitzende, wie durch eine überdimensionale Windmaschine herausgeschleuderte Synth-Kaskaden und bollernde Bassattacken, die so überraschend und mit doppelter Lautstärke angeflogen kommen, dass man sich nur noch den Zeitpunkt merken kann, an dem man sich wild tanzend vor seiner Stereoanlage wiederfindet: 3 Minuten und 8 Sekunden.
Ab diesem Moment ist der Rest des Albums ein Selbstläufer. „Drunk Girls“ ist ein im Punk gebadeter Can-Song, „All I Want“ eine Hommage an David Bowies Berlin-Zeit in den Siebzigern und „I Can Change“ steril-erotische Spätsiebziger-Disco, wie sie Giorgio Moroder in seinen kühnsten Träumen nicht hinbekommen hätte.
Das neben all diesen Glanzlichtern einige Songs noch herausragen, spricht für die Qualität des Albums: „One Touch“ ist eine nostalgische Zeitreise mit dem Trans Europa Express und dem Ziel New York in den frühen Achtzigern. Und wenn sich in „You Wanted A Hit“ mit dem nachgeschobenen Halbsatz „But maybe we don‘t do hits“ aus halbseidenen Keyboardklängen wie selbstverständlich der Beat erhebt, sich der Song über neun Minuten zu eben einem solchen Über-„Hit“ entwickelt, dann ist der Titel des Songs plötzlich purste Koketterie.
Für dieses sympathische Understatement sollte man James Murphy eigentlich auf der Stelle ein Denkmal errichten. Obwohl „This Is Happening“ in Zukunft bereits als eben solches funktionieren wird.
Video: „Drunk Girls"