Interpret:
Lana Del Rey
Plattentitel:
Born To Die
Label:
Vertigo / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.5 von 10
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 01.02.2012
Die sozialen Netzwerke gebären Hypes in immer kürzeren Abständen. Alle paar Wochen wird eine neue Sau durch das virtuelle Dorf getrieben. In diesem kurzlebigen Geschäft müsste Lana Del Rey eigentlich schon längst am Haken hängen, um im Bild zu bleiben. Geisterte ihr Clip zu „Video Games“ doch schon vergangenen Sommer durch die Facebook-Profile stilsicherer Hornbrillenträger, denen beim Anblick von Lana Del Reys Schmollmund schier die Röhrenhose platzte. Da die New Yorkerin und Neu-Londonerin als Sexsymbol aber qua definition unerreichbar und ergo nur als Phänomen verfügbar ist, wurde die generierte sexuelle Energie in peinlich schmachtende Postings mit dem obligatorischen Herzchen-Overkill umgesetzt, die neben der werbewirksamen Verbreitung des Videos der Beschwärmten en passant deren Musik als neusten heißen Scheiß aus der Hipster-Fabrik erscheinen ließ. In puncto manipulativen Marketings, in dem die Kunden das Produkt nicht nur kaufen, sondern noch dazu selbst bewerben, ist die Karriere Lana Del Reys bislang also mustergültig verlaufen. Bis heute haben weltweit mehr als 22 Millionen Menschen auf Youtube ihr vorgeblich selbst geschnittenes Video angeschaut, „Video Games“ erklomm die Chartspitzen rund um den Globus.
Unter dem Horizont dieser Vorgeschichte ist die Rezeption von Lana Del Reys Debütalbum „Born To Die“ nur schwerlich unbelastet möglich. Welche Künstlerin wird schon beim Erscheinen ihres Erstlings mit Titelgeschichten von Spex bis Intro belohnt? Die Vorschusslorbeeren haben aber eine Kehrseite: Der Hype erzeugt Anti-Haltungen gegenüber der Musik der Künstlerin, die genauso unreflektiert sind wie die beschriebenen Schwärmereien, da sie sich eben in der Regel auch nicht mit dem Wesentlichen beschäftigen: mit der Musik. Zwar kokettiert die 25jährige in Interviews damit, keine Kunstfigur darzustellen, sondern eine authentische Person zu sein. Jedoch ist die multimediale Stilisierung ihrer selbst als Gesamtkunstwerk so virulent, dass das Drumherum beim Hören von „Born To Die“ kaum auszublenden ist.
„Born To Die“ ist eine ambivalente Platte. Hierin liegt nicht ihr Problem, ist Ambivalenz doch grundsätzlich zu begrüßen. Problematisch ist, dass diese sich nicht durch lyrisch-performative Doppeldeutigkeiten ergibt, sondern aus dem Gefälle zwischen der Qualität der Stücke – wobei die Fallhöhe durch die medial aufgebauten Erwartungen eben sehr hoch ist. Die größtenteils von Beats und Streichern dominierten Popstücke kommen mal pathetisch-episch („Video Games“, „National Anthem“), mal brav-langweilig („Radio“) daher, die Beats sind mal drückend und treiben den Song voran, mal dünn und mürbe. Lana Del Rey, deren Sangeskunst unbestritten ist, gibt sich manchmal nonchalant und verrucht wie ein Hybrid aus Hildegard Knef und Nancy Sinatra („Born To Die“), klingt kurz darauf aber eher nach Pink („Diet Mountain Dew“) und Céline Dion. Als Projektionsfläche ist Lana Del Rey eben nicht sie selbst, sondern eine Kunstfigur – und sie schafft es auf ihrem Debütalbum nicht, eine konsistente Identität zu kreiieren. Als Flickenteppich popkultureller Versatzstücke ist das Phänomen Lana Del Rey somit durch die Hintertür eben doch interessant, da sich in ihrer musikalischen Inszenierung die unentrinnbare Verknotung des postmodernen Subjekts zeigt. Da sie als Künstlerin jedweder Kontextualisierung nicht entweichen kann, mag Wahrhaftigkeit zum wichtigsten Parameter bei der Bewertung ihrer Musik werden. Ein Umstand, an dem etwa Amy Winehouse in einer symbiotischen Entgrenzung zwischen dem Menschsein und der Künstlerexistenz zugrunde gegangen ist. Insofern ist es dem Menschen Elizabeth Grant zu wünschen, dass die klare Trennung von der Kunstfigur Lana Del Rey erhalten bleibt – auch wenn die an manchen Stellen klinische Reinheit ihrer Performanz der Authentizität ihrer Musik nicht zugute kommt.
„Born To Die“ ist dann gut, wenn die mal glockenhelle, mal rauchzarte Stimme Lana Del Reys sich an Stücken abarbeitet, die offenbar eine Aussage verfolgen; wenn die Oberfläche des sinfonischen Klangteppichs durchdrungen wird und man das Gefühl bekommt, als Hörer in das Kommunikationsmodell Lana Del Rey einbezogen und nicht allein auf die Rolle des Konsumenten verwiesen zu werden. In „National Anthem“ etwa transponiert Del Rey die pathetische Grundstimmung mit einer Art Sprechgesang hin zu einem dynamischen Sog und inszeniert sich so als material girl des Jahres 2012: „Money ist the anthem/ God, you’re so handsome/ Money ist the anthem/ Of success“. „Blue Jeans“ evoziert vom ersten Klang der surfartigen Gitarre bis zum treibend-rhytmischen Finale (durch das grandiose Video affirmierte) cineastische Assoziationen, das schwärmerisch flehende „I will love you to the end of time“ und die selbstironische Leichtigkeit der Lyrics machen Spaß: „It was like James Dean, for sure/ You’re so fresh to death and sick as a ca-ca-cancer/ You were sorta punk rock, I grew up on air pop“. In „Dark Paradise“, dem stärksten Stück der Platte, gibt Lana Del Rey die todessehnsüchtige Sirene, die den Verlust des Geliebten beklagt und sich in Erinnungswelten zurückzieht: „Everytime I close my eyes/ It’s like a dark paradise / No one compares to you/ I’m scared that you won’t be waiting on the other side.“
Spätestens mit „Summertime Sadness“, dem vorletzten Stück der Platte, schafft Lana Del Rey es dann doch noch, die Vorschusslorbeeren zumindest nicht gänzlich uneingelöst zu lassen. Paradoxerweise mit einem unspektakulären, kleinen Liebeslied mit Stakkatobeats und dem mantraartig wiederholten Refrain: „Kiss me hard before you go/ Summertime sadness/ I just wanted you to know/ That you’re the best.“ Da ist er, der „taste of real life“, im finalen „This Is What Makes Us Girls“ besungen, den auch Lana Del Reys Musik benötigt. Am Ende steht die Frage, wie Lana Del Rey nach einem soliden Debütalbum in diesem Spannungsfeld ihre Geschichte fortschreiben wird – ob als Covergirl der Web 2.0-Avantgarde oder als ernstzunehmende Künstlerin. Das Potential für beide Wege ist da.
Video: „Blue Jeans“