Interpret:
La Roux
Plattentitel:
dto.
Label:
Polydor / Universal
VÖ:
26.06.2009
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 22.06.2009
„Pass auf“, sagt Dein Kopf, noch bevor Du überhaupt die Möglichkeit bekommst auf Play zu drücken. Wenn sich englische Musikmagazine (insbesondere der NME) vor Lobeshymnen überschlagen, lässt dies nur zwei Möglichkeiten zu: entweder die Band entpuppt sich als One-Hit-Wonder, schnell gehypt, schnell vergessen. Oder die Band hat wirklich, wirklich Potential, Deinen Sommer zu retten.
Bühne frei für La Roux, diesem Mann-Frau-Duo, in dem sich Produzent Ben Langmaid jedoch dezent im Hintergrund hält und sich der Fokus somit auf das Gesicht der jungen Elly Jackson richtet. Rote Haare, schrille Frisur, schräge Klamotten. Den Starstempel hat sie bereits lange vor der Veröffentlichung des Debüts aufgedrückt bekommen, da ist das selbstbetitelte Debütalbum nur noch Kür. Ein triumphaler Siegeszug. Sollte man meinen. Ganz so sicher ist man sich allerdings nicht. Klar, die Single „In For The Kill“ ist das, was letztes Jahr „Kids“ von MGMT war: Der Konsenshit, auf den sich alle einigen können, auch wenn Jacksons hohe, Sektgläser sprengende Stimme für einige eine hohe Einstiegshürde darstellt.
Selbstverständlich beginnt das Album mit diesem Überhit aus skalpellscharfen Vintage-Synthies und einem ganz, ganz simplen Beat. Wer diesen einen Song hört, versteht mit einem Schlag, woher die kursierenden Eurythmics-Vergleiche kommen. Ein Song, so steril und androgyn, dass Langmaid die Instrumente wohl nur mit weißen, sauberen Handschuhen spielen kann, um ja keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Doch nicht falsch verstehen: Das Album ist keineswegs kalt oder abweisend. Es transpiriert nur einfach nicht, hinterlässt keinen unangenehmen Geruch, wirkt künstlich und gleichzeitig schmackhaft und süchtigmachend. Das ganze auf einem so hohen Niveau, dass man nicht umhin kommt, gleich mit dem folgenden Song „Tigerlilly“ endgültig alle Bedenken über Bord zu werfen. Ein pumpender Beat, der HipHop sein könnte, sich aber nach kurzer Zeit für die bunte, synthetische Welt der Achtziger entscheidet, was sich am Ende als die richtige Wahl herausstellt.
Das Album lebt neben der ungeheuren Präsenz Jacksons vom Rhythmus, vom Pulsieren im luftleeren Raum. In „I‘m Not Your Toy“ mischen Langmaid und Jackson verschiedenste Referenz-Reagenzgläser zusammen. Was passiert, wenn man eine Prise Depeche Mode mit Yazoo mischt? Wenn man in „Cover My Eyes“ Blacks „Wonderful Life“ mit einem Sonnenuntergang unter Palmen kreuzt? Die Antworten sind dermaßen spannend und explosiv, dass man den beiden dafür den Nobelpreis in angewandter Chemie verleihen müsste, ganz genau wie 1904 einem gewissen Sir William Ramsay. Dessen Leistung war nicht minder wertvoll für die Menschheit: Ramsay entdeckte damals als erster Mensch das Edelgas Neon.