Interpret:
Kele
Plattentitel:
The Boxer
Label:
Wichita / Cooperative Music / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
6.5 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 05.07.2010
Reden sie jetzt nicht mehr miteinander, oder nennt sich das einfach „Kreativpause“? Bloc Party hatten sich nach „Initmacy“ dazu entschlossen, mal eine längere Pause zu machen, um Kräfte zu sammeln und ein Stück weit auf Abstand zu gehen. Ein Abstand, der sich hoffentlich nicht bloß auf die Bandmitglieder bezieht sondern auch auf ihren Klang, ihren Stil. Und wenn ich über Bloc Party spreche, dann kann ich trotz aller Liebesbekundungen zu dieser eigentlich fantastischen Band nicht anders, als zu sagen, dass sie sich nach ihrem Debüt musikalisch gehörig festgefahren haben. Traurig, denn das Talent ist eindeutig auf ihrer Seite, und sie wären in der Lage gewesen, weiterhin frischen Wind in den Indierock zu pusten. Vielleicht haben sie es selber erkannt, und machen genau deshalb eine Pause.
Gerade Kele Okereke traute ich stets mehr zu, als er schlussendlich mit seinen Kollegen umgesetzt hat. Ob er von ihnen an seiner Kreativität gehindert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hat auch er sie einfach gehindert. Wie dem auch sei, Bloc Party entschlossen sich zu pausieren und dann kommt doch das erste Solo-Album von Kele raus, das alleine seines Titels wegen wie eine entschlossene Kampfansage klingt. „The Boxer“, so der Titel des zehn Tracks umfassenden Werks, dessen von Kele geschriebene Beats und Lyrics von Spank Rock-Produzenten XXXChange durch die Mixer gejagt wurden. Kele selber wollte sich, nach eigener Aussage, vermehrt an anderen Schreibweisen für Songs ausprobieren. Sampler, Sequenzer und Drumcomputer sind nun die stil- und tonangebenden Hilfsmittel, die über die zehn Runden gehen sollen. Entsprechend rumpelig und energisch klingt das Ergebnis, das unterm Strich zwischen LCD Soundsystem, Spank Rock und anderweitigen, modernen Elektro-Indie-Power-Pop angesiedelt werden kann.
Zwar klingt das jetzt alles nach totalem Aufbruch und absoluter Veränderung, doch bleibt auch vieles gleich. Besonders an Keles Art zu singen macht sich dies besonders gut bemerkbar. Werden die dröhnenden Synthesizer und die hektischen Percussions von „Walk Tall“ weggedacht, dann könnte dieser Song auch einer von Bloc Party sein. Nach wie vor singt er wundervolle Melodien und windet sich herrlich um sie herum, doch ist es so, dass er nicht aus einem eingefahrenen Muster herauskommt. So klingt vieles wie eine nicht enden wollende Wiederholung. Etwas anderes wird es aber auch schon im folgenden „On The Lam“. Doch ist die stimmliche Veränderung dort auf einen Filter zurückzuführen, der Okerekes Stimme zum Süßholzraspeln verdonnert. Sehr gewöhnungsbedürftig. Überhaupt setzt er auf seinem Solo-Debüt neben den vielen hämmernden Elektroeinlagen auch auffällig viele Filter für seine Stimme ein. So auch im ersten Großhit auf „The Boxer“. „Tenderoni“ ist aber keine Cover-Version von Chromeos großartiger Dance-Nummer. Hier hat Kele ein ganz eigenes, zum Beat pumpendes Dancefloor-Biest geschaffen. Fäuste hoch und boxen!
Weitere Glanzlichter auf „The Boxer“ sind da noch mit großem Abstand zum Rest „Everything You Wanted“ und „Rise“. Gerade bei „Everything You Wanted“ zeigt sich mal wieder, was Keles Stärken wirklich ausmacht. Herzerweichende Melodien und unter die Haut fahrende Lyrics, die so aufregend schlicht geraten sind, dass sie alles, was gesagt werden muss, geradeheraus posaunen. Der Beat kickt zum klirrenden Klavier und bläht sich im Refrain zu Kongas gehörig auf, wenn es heißt „If you want to leave me, you must know one thing / I could have given you everything you wanted everything you needed“. So ein Song muss auf veträumte Mixtapes, wenn sich die Möglichkeiten dafür bieten. „Rise“ hingegen klingt mit seinem zarten Beat-Sequenzen in den ersten Sekunden wie aus einem Donkey-Kong-Spiel entwendet und plustert sich zum atmenden Bass-Synthesizer auf. „You are stronger than you think / Raise those arms that once were broken and put down the greed“, heißt es dort im Song, der das Durchhalten proklamiert.
Doch leider war es das auch schon mit den großen Momenten auf „The Boxer“. Der Rest des Albums wirkt schlichtweg unausgereift, ja sogar ein Stück weit zu schnell geschossen. Und als ob es nicht anderes hätte passieren können, auch auf seinem Solo-Album schafft es Okereke nicht, alte Bloc-Party-Marotten abzulegen. „Unholy Thoughts“ und „The Other Side“ hätten tatsächlich mit ihren nüchternen Gitarren auch Songs seiner Hauptband sein können. Sie mögen zwar mit elektronischen Spielereien durchsetzt sein, doch grenzen sie sich nicht von den unausgereiften Bloc-Party-Ufern ab, wie wir sie schon seit den letzten beiden Alben kennen. So bleibt wohl nur noch zu sagen, dass sowohl Okereke als auch Bloc Party momentan die Meister der konsequenten Inkonsequenz sind. Musikalisch als auch auf „Kreativpausen“ bezogen.
Video: „Tenderoni“
Kele - Tenderoni from Andrew Lawandus on Vimeo.