Interpret:
Jochen Distelmeyer
Plattentitel:
Heavy
Label:
Columbia Berlin / Sony
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 12.10.2009
In einem Punkt sind sich alle einig: Blumfeld waren einmal wichtig. Damals, 1992, als die Gruppe mit „Ich-Maschine“ zum ersten Mal auf der musikalischen Landkarte auftauchte. Indie aus Deutschland, mit gesellschaftskritischen Texten, der sich verschroben um die Ecke stahl und der mit „L‘Etat Et Moi“ seine Perfektion fand. Soweit sind sich wie gesagt alle einig.
Dann kam der Punkt, an dem sich die Anhänger in zwei Lager spalteten wie Moses das Rote Meer. Die einen konnten in den Werken seit „Old Nobody“ nichts mehr vom alten Geist der Band finden, nannten Songs wie „Tausend Tränen Tief“ oder den berüchtigten „Apfelmann“ hinter vorgehaltener Hand Schlager, während die anderen tiefer und tiefer in Distelmeyers Gedankenwelt eintauchten, sich am temperierten Wohlklang erfreuten und erkannten, dass in Songs wie „Strobohobo“ oder „Mein System Kennt Keine Grenzen“ sehr wohl noch rebellisches Potential steckte, wenn man nur genauer hinschaute.
Und plötzlich waren Blumfeld Geschichte. 2007 war das, als an einem kalten Wintertag Distelmeyer via Homepage die Band zu Grabe trug. Es folgten eine umjubelte Abschiedstour und danach: zwei Jahre Stille. Gerüchte, Distelmeyer wolle sich zurückziehen, Distelmeyer schreibe an einem Gedichtband, Distelmeyer arbeite an neuen Songs. Danach starben auch die Gerüchte.
Bis zu diesem Herbst. Dann erschien zunächst der überaus rockige Vorabsong „Wohin Mit Dem Hass“, der allzu deutlich zeigen wollte, dass Blumfeld zwar Geschichte, Distelmeyer diese Geschichte jedoch nicht egal war. Dazu flogen im dazugehörigen Video Molotov-Cocktails, Menschen pogten, als wollte Distelmeyer von Anfang an klarstellen, dass die Idee Blumfeld immer auch vor allem die Idee Distelmeyers war. Man war gespannt.
„Heavy“, das Solodebütalbum, ist ein Streifzug durch die letzten Blumfeldalben geworden und alle Abschiedswehmut ist mit einem Male verflogen. „Lass Uns Liebe Sein“ verbindet wieder alle Elemente, die man an der Musik Blumfelds schon so schätzte: eine taktangebende akustische Gitarre, die sich durch einen Midtempo-Popsong zieht. Ein Song, der vor purer Selbstzufriedenheit strotzt und einen auf angenehme Weise mit dem Kopf wippen lässt. „Bleiben Oder Gehen“ zitiert zwar im Titel den alten Clash-Klassiker, doch aus der aufrührerischen, rotzigen Frage des Originals ist eine resignative, schulterzuckende Aufgabe geworden. Egal wie sich der Protagonist auch entscheiden mag, glücklich wird es ihn nicht machen. Dazu schweben Streicher im Raum, in dem sich scheinbar auch die Smiths aufhalten.
„Hinter Der Musik“ ist für Distelmeyers Verhältnisse ein brachial rockendes Monster, in dem er wie auf Knopfdruck aus der persönlichen in die beobachtende Perspektive wechselt. „Nur Mit Dir“ ist die Fortführung von „Graue Wolken“ mit einem Text aus dem wirklichen Leben: Da bekommt der Held eine SMS seiner Angebeteten, voller Vorfreude und mit klopfendem Herzen begibt er sich zu ihr, nur um festzustellen, dass sie ihm ihren neuen Freund vorstellen wollte. In der Zusammenfassung klingt dies wie aus einer billigen Soap adaptiert, doch Distelmeyer schafft aus dieser trivialen Vorlage reinste Poesie, die in Verbindung mit der Musik tief ergreift.
Sozusagen als Prequel hierzu, sowohl textlich als auch musikalisch, dient „Jenfeld Mädchen“, ein Liebeslied, so zart wie die Person, die es beschreibt. Doch dann greift Distelmeyer wieder zur Elektrischen und präsentiert sich in „Hiob“ als biblische Naturgewalt, während die Assoziationsmaschine rattert wie der synthetisch flackernde Beat. Alles also wie gehabt beim Jochen. Die Fans werden erleichtert aufatmen und sich bedingunslos freuen. Der Rest wird wieder geschlossen die Köpfe schütteln.