Interpret:
Jamie Lidell
Plattentitel:
Compass
Label:
Warp / Rough Trade
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.5 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 24.05.2010
„Trust Your Compass“ hätte das neue Album von Jamie Lidell eigentlich heißen sollen. Doch diesen Titel fand der englische Sänger und Soundtüftler dann doch zu pathetisch, woraufhin er den Titel schlicht auf „Compass“ verkürzte. Ein Statement, dass Lidell in den vergangenen Jahren auf seinen eigenen, inneren Kompass hören musste, der ihm sowohl persönlich wie auch musikalisch den Weg zeigte.
Wenn man die Anfänge Lidells bedenkt, wie er 2000 im Video zu „Daddy‘s Car“ gespielt schmierig zu einem unheimlich gebrochenen IDM-Funk croonte und ihn dann heute, zehn Jahre später, hört, dann hat ihn sein Kompass eindeutig in die richtige, wenn auch völlig andere Richtung verschlagen. Spätestens seit dem 2005er-Album „Multiply“ mit dem alles umschlingenden Titeltrack wissen wenigstens die Eingeweihten, dass Lidell eine der beeindruckendsten Soul-Stimmen seiner Generation besitzt. Eben weil er nicht gekünstelt versucht, eine alte, längst vergangene Zeit wiederaufleben zu lassen, sondern weil er dem Soul und Funk mit seinem Elektro-Background neue, spannende Impulse verleiht.
Auf „Compass“ verbindet er diese beiden Welten so konsequent wie auf keinem seiner Vorgängeralben. So vereint Lidell den sexuell aufgeladenen Funk eines Prince in „I Wanna Be Your Telephone“ mit der abgrundtiefen Düsternis im sperrigen, durch allerlei Distortion-Filter zerschossenen „Coma Chameleon“. Hier lässt Danger Mouse grüßen. Doch egal ob Lidell einen alten Old-School-Motown-Funk wie „Enough Enough“ oder den mit epischen Mariachis aufgedonnerten Titeltrack singt: seine Stimme bleibt der Dreh- und Angelpunkt in diesem Wust aus Geräuschen, Beats und Melodien. So, als würde uns der Besitzer eines alten, sympathischen Trödelladens durch sein unaufgeräumtes, wenngleich gut durchstrukturiertes Geschäft führen. Alleine würde man über allerhand stolpern, doch mit seiner Hilfe findet man genau das, was man sein Leben lang schon gesucht hat.
Niemals festgefahren dreht sich die Kompassnadel somit in alle möglichen Richtungen. Nord, West, Ost, Nord, Süd. Dabei bleibt der Hörer jedoch nicht orientierungslos zurück, sondern ist sich dessen bewusst, dass Songs wie das euphorisierende „Gypsy Blood“ genau der der Grund sind, warum die Nadel nicht mehr stillsteht: Sie kann in keine neue Richtung mehr weisen, da Lidell mit „Compass“ genau dort angekommen ist, wo er seit zehn Jahren hinstrebt.
Video: „The Ring“