Interpret:
Jónsi
Plattentitel:
Go
Label:
Parlophone / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 06.04.2010
Jón Thor Birgisson, besser bekannt als Jónsi und Sänger von Sigur Rós, musste gleich zwei Umwege in Kauf nehmen, um als Musiker da anzukommen, wo er ist. Der erste Umweg geht über das letzte Album von Sigur Rós „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“, was zu gewissen Teilen das musikalische Fundament seines ersten Solo-Albums, „Go“ ist. Der andere geht über sein mit seinem Partner Alex Somers gemeinsam ins Leben gerufenes Projekt Jónsi & Alex. Dort findet sich der erste Abnabelungsprozess zur Hauptband der Fleisch gewordenen Sirene aus Island.
Über die letzten Jahre hinweg hat Jónsi Songs geschrieben, die weder für Sigur Rós, noch für Jónsi & Alex bestimmt waren. Wie viele es schlussendlich sind, bleibt wohl auf ewig sein Geheimnis. Zum jetzigen Zeitpunkt erreichen uns aber schon mal neun seiner Eigenkompositionen, die für ein Sigur Rós-Mitglied nicht knackiger hätten ausfallen können. Was wir hier auf „Go“, der poppigen Initialzündung des Paradiesvogels Jónsi zu hören bekommen, ist unterm Strich so anders und doch so nah an Sigur Rós gebaut, dass berechtigterweise die Frage im Raume steht, warum uns diese energetischen Anstürme nicht viel mehr auf „Með Suð...“ serviert wurden. Schließlich war „Go“ in seinen Anfängen auch noch als ruhiges und irgendwie minimalistisch gehaltenes Folk-Album gedacht. Es mussten wohl erst Explosionen wie die Sigur-Rós-Songs „Gobbledigook“ oder „Inní Mér Syngur Vitleysingur“ durch Jónsi gehen, bevor er sich dazu entschloss, dem Ganzen mehr Dampf zu verleihen.
Und genau diesen lässt er gleich in der Eröffnungsnummer „Go Do“ ab, welche auch die erste Single von „Go“ geworden ist. Es rattert, zwitschert und stampft freudestrahlend aus den Boxen, wenn dieses Stück voller Herzblut und Leidenschaft beginnt. Auch das folgende „Animal Arithmetic“ fegt wie ein „Tornado“ mit viel Elan durch unsere Gehörgänge. Dass dieser Song dann doch etwas gewöhnungsbedürftig in seinen schnell dargebotenen Strophen ist, kann dann doch die Begeisterung ein wenig dämpfen. Trotzdem liegt der Vorteil für alle, die schon immer mal wissen wollten, was Jónsi überhaupt singt, ohne isländisch zu lernen, auf „Go“ ganz klar in Jónsis häufiger Bedienung der englischen Sprache begründet. So auch in „Tornado“, womit er mit Streichern und Klavier auch gleichzeitig einen Hauch von Ruhe einkehren lässt.
Farbenfroh ist „Go“ geworden. Ein Album, dass zwar von einigen Freunden Jónsis mitarrangiert wurde, aber dennoch aus seiner Feder entsprungen ist. Somit haben wir hier nie das Problem von einem Song zum anderen plötzlich ausgesperrt zu werden. „Boy Lilikoi“ zum Beispiel vermengt das Temperament der bereits genannten Songs mit eingängiger Ruhe, ohne aus dem schmalen Rahmen der übrigen Songs zu fallen. Von A wie aufregend bis Z wie zart ist auf „Go“ eine breite Palette seines Könnens zu hören. Klar, es gibt sie, die Songs, die vielleicht im direkten Zusammenhang mit anderen etwas deplatzierter klingen („Kolnidur“ oder „Grow Till Tall“), aber an ihrer Strahlkraft dank Streicher und Jónsis Erhabenheit im Gesang büßen sie deshalb nicht ein. Und irgendwie bekommt man das Gefühl nicht los, dass Jónsi diese Ausreißer seines avantgardistischen Pops, zu dem selig gepfiffen werden kann, bewusst eingebaut hat, um am Ende schwelgend zu den Klängen von „Hengilas“ davon getragen zu werden.
Video: „Go Do“
Jónsi - Go Do from Jónsi on Vimeo