Interpret:
Holly Miranda
Plattentitel:
The Magician's Private Library
Label:
XL / Beggars / Indigo
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
8.0 von 10
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 01.03.2010
„Everytime I Go To Sleep“, „Sweet Dreams“, Sleep On Fire“. Ohne Frage, die Songtitel deuten bereits darauf hin, dass wir es bei Holly Mirandas Debütalbum „The Magician‘s Private Library“ mit einer Nachtplatte zu tun haben. Und tatsächlich wurde das Album in der Dunkelheit aufgenommen, über einen Zeitraum von drei Wochen, jeweils von sieben Uhr abends bis in den Morgen. So entstanden in Zusammenarbeit mit Dave Sitek (TV On The Radio) luzide Träume, die am hellichten Tag betrachtet schlichte Folksongs hätten sein können, nun aber im neuen Schlafgewand zu ätherisch-dräuenden Juwelen geschliffen wurden.
Der Anteil Siteks am Sound ist dabei nicht zu überhören. In „Joints“ lässt er geisterhaft die Trompeten in musikalischen Endlosschlaufen um unseren Kopf surren, eine Flokatiteppichwand aus sphärischen Gitarren versperrt uns den Blick und über allem schwebt Mirandas elfenhafte Stimme, die an die Cocteau-Twins-Sängerin Elizabeth Fraser erinnert. Das Ergebnis klingt dann tatsächlich nach drei Uhr am frühen Morgen, während man eben noch ganz weit weg auf „Moon Safari“ war.
„High Tide“ hat einen simplen Drumcomputerbeat, was den Song jedoch nicht davon abhält, sich mit allerlei elektronischen Spielereien und klangtechnischen Verfremdungen zu einer LoFi-Mitternachtssymphonie zu steigern. „Forest Green Oh Forest Green“ überrascht mit einem mardi-grasigen Trompetenensemble, bevor der Song im Loop-Nirvana verschwindet. Kyp Malone, Siteks TV-On-The-Radio-Kumpel, macht aus „Slow Burn Treason“ ein existenzialistisches Trauer-Duett: „Wake up and you‘re next to nothing / But the weight of the world is on your side / Most days you don‘t even notice / But that‘s a lie“.
„The Magician‘s Private Library“ ist gerade deswegen ein so bezauberndes Album geworden, weil die Songs mit traumwandlerischer Sicherheit nicht alles grell ausleuchten, sondern mit allerlei verfremdeten Sounds vieles als vage Ahnung im Dunkeln stehen lassen. Selten passte der klaustrophobische TVOTR-Sound so gut zu einer Künstlerin wie zu Holly Miranda, die sich in den zehn Stücken ihre ganz eigene Traumwelt aufbaut, jedoch ganz ohne Fabelwesen und Ungeheuer. Die Welt der Holly Miranda ähnelt eher einem Roman Paul Austers, bei dem man sich auch nie sicher sein kann, was Fakt und was Fiktion ist.