Interpret:
Hercules And Love Affair
Plattentitel:
dto.
Label:
DFA / EMI
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Michael Weber
Köln, 25.03.2008
Gleich zwei Mythen der Homosexualität reißt Andrew Buttler mit seinem Projekt „Hercules And Love Afair“ auf einmal an. Auf der einen Seite wäre schillernde Disco und Dance-Music und auf der anderen steht das in und um die Musik herum verwurzelte Spiel mit griechischer Mythologie, in der Helden und Götter nicht nur tapfer, mutig, edel, muskulös und schön sind sondern auch dazu bereit, die ein oder andere Liaison mit einem Geschlechtsgenossen bzw. mit einem Jüngling einzugehen. Womit der 1978 in Denver und mittlerweile im liberalen New York lebende Buttler auch gleich seine zwei Jugend-Leidenschaften nach eigener Aussage vereint. Fasziniert von den Disco-Klängen der 70er und 80er Jahre, vertont er seine Bilder heroisch starker Typen jetzt gemeinsam mit Tim Goldsworthy, Mitglied des LCD Soundsystems und Chef von DFA, als Co-Produzent.
Weitere Schützenhilfe an seiner aufregenden Four To The Floor-Front bekommt er durch die schmeichelden Stimmen von Kim Ann Foxman sowie Nomi und Antony Hegarty von Antony And The Jonsons. Gerade Antonys samtige und durchweg von einem flatternden Vibrato durchzogene Stimme fällt bei „Hercules And Love Affair“ am meisten ins Ohr. Die Mischung macht es gerade hier aus: Bekömmliche und lockere Lyrics auf organisch süßen Beats, die sich irgendwo auf den Tanzflächen des House und Post-Disco rumtreiben. Damit dürfte DFA wohl in diesem Jahr einen der größten Würfe im Bereich elektronischer Pop-Musik gemacht haben.
Von Anfang bis Ende wird „Hercules And Love Affair“ einen mit sich reißen. Was am doch etwas überspitzten und dadurch vielleicht kitischig wirkenden Glam-Faktor zu liegen scheint, schließlich ist hier alles sehr bunt, blumig und schrill geraten. Aber so muss zeitgenössische Disco-Musik, die sich ruhig selber feiern darf, irgendwie klingen, denn gekünstelte Intelligenzbekundungen oder Seelenleid würden dieses sonst so fluffige Album wie Blei herunterziehen. Ein solches Album braucht derlei Hilfsmittelchen schon alleine aus dem Grunde nicht, dass seine Intelligenzbekundungen eben in den schamlos sexy Beats zu finden sind, die aus den Händen und Köpfen wahrer Disco-Enthusiasten entsprungen sind. Buttler scheint zusammen mit Goldsworthy an alles, was eine gute Genre-Platte ausmacht, gedacht zu haben.
Ob funky Vibes der 70er mit dramatischen Streichern und Bläsern, wie im „Hercule´s Theme“ oder das ebenfalls funky und housig geratene, jedoch ein wenig nach Kraftwerk klingende „Athene“ oder das im Bass zitternde „You Belong“ mit all seinem 90er-Jahre-Charme, auf den zehn glänzenden Tracks bleibt kaum ein Wunsch offen. Allerdings bringen sie die Clubs weniger mit Aggressivität zum Kochen, ihr Geheimrezept liegt vielmehr in der sanften Progressivität auf den Undzählzeiten der High-Hat, in aufregenden Perkussions, voluminösen Bässen und den vielen genussvollen Kleinigkeiten aus elektronischen sowie organischen Instrumenten, die die Songs durchziehen.
„Blind“ vereint wohl all diese Atribute am überschwänglichsten. Mit seinen trippelnden Congas, den stilvollen Double-Claps auf Zwei-Und und dem wälzenden Bass sowie Antonys schaudernder Stimme haut es einen glatt um. Aber auch das von Andrew Buttler selber gesungene „This Is My Love“ muss sich hinter den Lorbeeren von „Blind“ überhaupt nicht verstecken, erntet es doch sogar ganz ähnliche mit seiner funky Gitarre und der jazzigen Stimmung einer Trompete. Ganz anders ist da hingegen das schleppende „Iris“ mit seinem schwebenden Gesang und dem Left-Field-haften House Beat, der durch einen Sequenzer mit synthetischen Bass-Läufen einen coolen Unterton bekommt. Richtig epochal wird es dann im ganz abgekühlten „Easy“, das ebenfalls neben dem sich aufbauschenden Opener „Free Will“ und der beschwörenden Hymne „Raise Me Up“ von Antony begleitet wird.
Und in den drei Schluss-Stücken „This Is My Love“, „Raise Me Up“ und „True False/Fake Real“ haut Buttler uns die stampfenden, anheizenden Beats nur so um die Ohren und unterstreicht somit fett seine Party- und Club-Tauglichkeit. „Hercules And Love Affair“ wird einfach in diesen Jahr auf keiner Party fehlen, denn diese „Love Affair“ wird uns für einige Zeit mit rosaroten Plüschhandschellen an unsere Stereoanlagen fesseln und uns mit leuchtenden Regenbögen in den Ohren das Leben versüßen. Come on Hercules, give it to me, show me your muscles!