Interpret:
Health
Plattentitel:
Get Color
Label:
City Slang / Universal
VÖ:
bereits erschienen
Punkte:
9.0 von 10
Autor:
Tobias Gnädig
Köln, 21.09.2009
Wahrscheinlich würden Health - wie beispielsweise ihre Freunde von Abe Vigoda, Mika Miko oder The Mae Shi - noch heute weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit in winzigen Clubs wie dem heimischen The Smell in Los Angeles vor sich und ihrem Freundeskreis hin lärmen, wären sie nicht auf die Idee gekommen, ihr für eher konventionell und melodieverliebt veranlagte Ohren unhörbares Debütalbum unter dem Titel „Disco“ in die Hände von Remixern zu geben. Die damals noch unbekannten Crystal Castles machten aus „Crimewave“ einen Hit, wurden für einen Sommer lang zu Lieblingen der Indie-Disco-Crowd und zwangen auch die, die mit Noise-Patchwork sonst eher wenig anfangen können, sich mit Health auseinanderzusetzen.
Der Hype um die vier Querköpfe fand seinen Höhepunkt, als niemand Geringeres als Nine Inch Nails die Band als Tour-Support engagierte. Vom Kellerclub in die Multifunktionshallen, da konnte man sich schon sorgen, dass Health wie so viele Bands vor ihnen, die plötzlich und unerwartet am Erfolg schnuppern, den Kardinalfehler begehen könnten, mit dem zweiten Album eine breitere Hörerschaft ansprechen zu wollen. Und in der Tat kommt die Vorabsingle „Die Slow“ im Health-Kontext beinahe gewöhnlich daher: Klar strukturiert, dank Offbeat-Schlagzeug und nur seltener Störgeräusche durchaus tanzbar, ja fast poppig. Das Schöne dabei: Auch das können sie, der Song ist großartig. Und es gibt ein großes „Aber!“, denn „Get Color“ ist zwar - wen wundert’s? - insgesamt viel besser produziert als das live im The Smell aufgenommene Debütalbum, aber es ist davon ab ganz klar Health.
Diesmal haben sie das trojanische Pferd eben selbst gebaut, und geben dem Hörer dann gleich im Opener „In Heat“ die Noise-Peitsche. 107 Sekunden reichen aus, um klar zu machen, dass diese Band nur nach eigenen Regeln spielt. So verweben sie im weiteren Verlauf des Albums Schicht um Schicht Synthieflächen, sägende Gitarren und unruhige Drums, zaubern abgefahrene Geräusche aus ihren seltsamen Gerätschaften wie das „Zoothorn“ (das sie uns im Interview kürzlich erklärten), reihen Break an Break. Mal verstörend wie in „Death +“ oder „Severin“, mal mitreißend wie in „We Are Water“ und zum Ende hin in „In Violet“ beinahe beruhigend hypnotisch, und doch nicht leise. Diesem Sound setzen sie den hellen, mit viel Echo versehenen Gesang von Jake Duzsik als Kontrast entgegen. Dessen Lyrics bleiben vage und kaum verständlich, die Stimme dient weiterhin als ein Instrument und nicht als Mittler zum Publikum.
Health bewegen sich also erfreulicherweise weiterhin in ihrer eigenen, verschlossenen Welt, bleiben anstrengend und extrem. Attribute, die die Intro erst kürzlich dazu veranlassten, Health als „die neuen Radiohead“ zu bezeichnen. Das ist zwar erst 2025 abschließend zu beurteilen, eine der wichtigsten, weil kompromisslosesten und herausforderndsten Bands der letzten Tage dieses Jahrzehnts darf man Health aber schon jetzt nennen.
Video: „Die Slow“
HEALTH "DIE SLOW" from Lovepump United on Vimeo.