Interpret:
Guided By Voices
Plattentitel:
Let's Go Eat The Factory
Label:
Fire Records / Cargo
VÖ:
20.01.2012
Punkte:
7.0 von 10
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 18.01.2012
Um eins von Anfang an klarzustellen. Ich bin befangen, was diese Band angeht. Skizzenhafte Stücke wie „Game Of Pricks" oder „My Valuable Hunting Knife" halte ich für Lieder, die zu den wichtigsten der letzten 20 Jahre, wenn nicht aller Zeiten zählen. Guided By Voices, das Projekt des nimmermüden Robert Pollard, ist eine der erstaunlichsten Erscheinungen des Indie Rock und zugleich ein Musterbeispiel all dessen, was das Adjektiv „independent" einst groß gemacht hat. Scheiß auf Produktion und Marketing, Hauptsache die Seele ist dabei und der Moment fühlt sich richtig an. Konkret bedeutet das für's Pollard'sche Schaffen auch: Halbfertigem wohnt die Möglichkeit zur Grundsteinlegung neuer Welten inne, rohe Schablonen können vom zukünftigen Ich mit Inhalt gefüllt werden.
Dass der Tag kommen würde, da ich eine Review über Guided By Voices in Bestbesetzung schreiben darf, hätte ich mir nicht träumen lassen. Robert Pollard hatte nach zahlreichen Musikerwechseln seine Band 2004 aufgelöst und fortan unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Nun ist das klassische, das beste Outfit der 90er Jahre zurück und die gute Nachricht zuerst: auch ohne Fan zu sein, muss man festhalten, dass es sich gelohnt hat, das gute Guided By Voices-Image aus dem Schlaf der Gerechten zu wecken und jene Ehemaligen an Bord zu holen. Dieses Album wäre als Pollard-Solowerk vermutlich so nicht zustande gekommen. Es kann keine Einbildung sein, dass man der Band, die unter anderem das Klassikeralbum „Alien Lanes" mit dem Songwriter eingespielt hat, einen positiven Einfluss auf den Gesamtprozess attestiert. Aber kommen wir zum Wesentlichen.
Man muss nicht erst das Foto der Unwetter bedingt verarmten Musiklegende vor Augen haben, wie er stolz und tief traurig vor seinem Piano sitzend in die Kamera sieht, um zu erkennen, dass in „The Unsinkable Fats Domino" das Potential zur Völker vereinenden Hymne steckt. „Beyond the vulnerabilities/ and nuclear facilities/ it's where the search team found him/ it's where we'd like to meet you", lautet die kämpferische Botschaft, die weit mehr ist, als nur eine stumpfe Durchhalteparole. An dieser Stelle blitzen alle Stärken der frühen Jahre durch und es sollte klar werden, warum man an diese Band im Nu sein Herz verlieren kann.
Auch die Vorabsingle „Doughnut For A Snowman" ist Guided By Voices in Reinform. Eine schlingernde, leicht schiefe Melodie, aufgenommen in altbewährter Lo-Fi-Manier, bei der der Text einen wesentlichen Teil der Gesamtwirkung ausmacht. Die penetrante Flöte zum Auftkat ist die persönliche Note und wird spätestens dann vergessen, wenn Zeilen wie „She likes it so/ and everything goes right for her/ and everything goes wrong" gesäuselt werden und alles irgendwie Sinn macht.
Wie üblich gesellen sich unter die zahlreichen Höhepunkte einige Stücke, die sich mitunter gar an der Grenze zum Kopfschütteln bewegen. Im aktuellen Fall sind es etwa Experimente mit Streichern, die man für ein zu gewagtes Unterfangen hält. Dennoch, das war schon immer so und muss sich auch nicht ändern. Liebe heißt eben auch Unverständnis auszuhalten. Sparen wir uns also an dieser Stelle weitere Worte. Jetzt reinhören, bitte.
Stream: „Doughnut For A Snowman"